Schöpfungsgeschichte 2.0

von Verena Bauer (22. Juni 2015)

 

 

»Wenn er zu den Menschen kam, flohen sie vor ihm. Nur die Hunde rannten herbei und verbellten ihn« - so beginnt Das Buch Kain, der Debütroman von Hansjörg Roth. Gemeint ist in diesen beiden ersten Sätzen Kain, der erste Sohn Evas und möglicherweise Adams, »der vielleicht nicht und der vielleicht doch sein Vater war«. Kain ist nach dem Brudermord an Abel nämlich von Gott mit sieben Zeichen bestraft worden; darunter der Fluch, dass alle Menschen ihn meiden sowie ein Horn, das ihm auf der Stirn wächst, und das jedem, der es sieht, ungeheuerlich erscheint. Als wäre dies der Strafe nicht genug, wird Kain von »El-ElohimGott-demHerrn« in die Welt hinausgeschickt, um zusammen zu tragen, was diese noch von Gottes Werk wissen. Denn die Menschen drohen, zu vergessen und beginnen, Götzen anzubeten – und das macht Gott so wütend, dass er bereit ist, das Verderben über sie zu schicken, falls ihm Kains Bericht nicht genügt. So macht sich der inzwischen Jahrhunderte alte Erstgeborene wohl oder übel auf, um weitere Jahrhunderte einsam über die Welt zu streifen, bepackt mit einem Sack voller Rinden und Kerbhölzer, auf denen er die Geschichten über Gott und den Anfang der Welt verewigt, die die Menschen noch zu erzählen wissen.

Mit seinem ersten Roman hat der Sprach- und Geschichtswissenschaftler Hansjörg Roth ein beeindruckendes Werk geschaffen. Der archaisch anmutende Schreibstil und die teilweise vorgezogenen Verben erinnern an den Duktus der Bibel. So wirkt das Buch stellenweise predigthaft, ohne aber den Leser zu langweilen. Denn Roth versteht es, seine wohlüberlegten Sätze an den richtigen Stellen mit Details auszuschmücken, wodurch große Bilder mit unglaublicher Kraft und Lebendigkeit entstehen. Man merkt, welche Mühe sich der Autor bei der Recherche, in die mehrere Quellen einbezogen wurden, gegeben hat: Der Roman ist in sich sehr stimmig und kann es sich daher erlauben, hier und da mit den Informationen zu spielen. Auch dies meistert Roth perfekt, indem er die Unstimmigkeiten der Quellentexte so gewitzt mit Andeutungen und Interpretationsansätzen füllt, dass es eine reine Freude ist. Zudem haucht er den marionettenhaften Figuren aus der Bibel Leben ein und macht sie zu fühlenden und verständigen Individuen.

Man kann es nicht anders sagen: Das Buch Kain ist ein sehr gelungenes Buch, das die Geschichte der Bibel neu aufrollt und sich nicht vor der ein oder anderen Kritik an der Schöpfungsgeschichte scheut. Es bietet Wissen und Unterhaltung gleichermaßen und ist auch für Leser geeignet, die die Bibel nicht oder nur teilweise kennen. Vielen Dank, Herr Roth, dass Sie den Schritt zur fiktiven Literatur gewagt haben – bitte lassen Sie dies keinen einmaligen Ausflug sein!

Hansjörg Roth: Das Buch Kain
Verlag Johannes Petri 2015
321 Seiten
27 Euro