Bahnfahrt in die Hölle

von Kristin Krüger (31. August 2009)

Gejagt von Alpträumen und einer paranoiden Angst zu sterben, reist Ole Reuter mit einer Netzkarte per Bahn quer durch Deutschland. Sein Körper verfällt und ihm ist es unmöglich, Ruhe zu finden. Ein Schreibzwang lässt ihn alle Erlebnisse, Gedanken und Gespräche während seiner Reise zu Papier bringen. Mal schreibt er als Ich – distanzlos und persönlich - und dann wieder als Er – scheinbar objektiv und nüchtern betrachtend. Doch diese Reise, die Entspannung und Genesung von seinen Ängsten mit sich bringen soll, wird eine Bahnfahrt in Oles ganz private Hölle.

Sten Nadolny lässt in Er oder Ich seine bereits aus Netzkarte bekannte Figur Ole Reuter wieder aufleben. Als Junge machte Ole eine Bahnfahrt per Netzkarte durch Deutschland, um den Tod seines Vaters zu verarbeiten. Nun ist er wieder unterwegs. Doch der Leser erfährt nicht genau, wovor Ole davonläuft. Geleitet durch eine Art Schutzengel, der in brieflichen Einschüben zu Wort kommt, stolpert er durch diesen neuen Roman.

Erzähltechnisch halte ich dieses Werk für eine Meisterleistung. Nadolny führt hier das Paradebeispiel eines unzuverlässigen Erzählers vor. Schon der Wechsel zwischen Ich und Er-Form verunsichert. Auch dass sich Ole immer wieder Gespräche und Ereignisse ausdenkt, schürt das Misstrauen gegen das Erzählte. Hinzu kommen die Briefe der scheinbaren Engel, die Oles Reise begleiten und zu manipulieren versuchen, und der Leser ist sich sicher, dass seine Zweifel begründet und unüberwindbar sind.

Und doch - man kann diesen Argwohn nicht lange aufrechterhalten und versinkt mehr und mehr in Oles Welt, in der sich immer neue Abgründe auftun. Ein absolut lesenswerter Roman, der einige Überraschungen bereithält und durch seine Erzählweise überzeugt.


Er oder Ich
Sten Nadolny:
Piper München 1999
264 Seiten
19,43 Euro (auch als Taschenbuch erhältlich)