Bekenntnisse einer Spießbürgerin

von Katharina Voigt

 

Eine Mutter erzählt der eigenen Tochter am Sterbebett ihre Lebensgeschichte bis in die letzte Einzelheit. Aber will man als Kind die dunklen Geheimnisse der eigenen Mutter überhaupt kennen?

Sarah Strickers Erstlingsroman Fünf Kopeken erzählt das Leben einer vom eigenen Vater zum Perfektionismus erzogenen Intelligenzbestie. Und eine Bestie scheint sie wirklich zu sein, denn »Doofsein kannst du dir mit dem Gesicht wenigstens nicht erlauben.« sagt schon in jungen Jahren der Vater zu ihr. So führt sie ihre Hässlichkeit zusammen mit väterlichem Drill in ein weltfremdes Streber-Dasein, in dem allein die Leistung zählt und für Emotionen kein Platz ist. Die einzige Sache, in der sie keinen Erfolg vorweisen kann, ist die Liebe. Zwischenmenschliche Zuneigung macht aus der sonst so perfekt organisierten jungen Frau ein fahriges, hilfloses Wrack.

Ist das erste Drittel des Romans noch eine amüsante Persiflage auf die Jugend eines »Wunderkinds« in Zeiten der deutschen Wiedervereinigung, setzt danach eine Wende im Text ein. Eingeleitet wird diese mit einem Verfolgungswahn, bei dem erst nach weiteren 100 Seiten richtig klar wird, wer denn nun wen verfolgt. Neben der Beziehung mit ihrem Verlobten Arno entwickelt sich daraus eine ausgesprochen bildreich geschilderte Affäre voller Lügen und (Selbst-)Betrug, die die Zeugungsumstände der späteren Tochter – und Erzählerin des Romans – immer unklarer erscheinen lassen.

Strickers Umgang mit dem Handlungsstrang ist dabei sehr gekonnt: Raumgreifend, detailliert und mit kreativen Metaphern füttert sie den Leser ganz langsam mit Informationen, baut geschickt Einzelheiten ein, die man zuerst beiläufig hinnimmt. Später gehen diese aber nahtlos in der Geschichte auf und nehmen sogar tragende Rollen ein, sodass sich am Ende alles zusammenfügt und ein klares Bild ergibt. Und auch die Sprache weiß Stricker zu handhaben, denn mit der Gefühlslage ihrer Figuren ändert sich auch das Tempo. Langsame, ausführliche Passagen werden zu übersprudelnden Gedankenströmen, in denen sich letztlich zwei aneinandergrenzende Sätze sogar die Wörter teilen müssen. Genau damit schafft sie es, beim Leser die gleiche Verwirrung zu stiften, die auch ihre Hauptfigur empfindet und so eine ganz neue Leseerfahrung zu erzeugen: eingesogen in fast schmerzhaft genaue Schilderungen und doch reflektiert, wenn immer wieder der Rahmen einer erzählten Erzählung ins Gedächtnis gerufen wird.

Es stellt sich, besonders beim peinlich genau geschilderten Sexualleben der Mutter, die Frage, wie viel Ehrlichkeit man von Seiten der Eltern verkraften kann und will; und umgekehrt ob man die große Lebensbeichte gerade vor der eigenen Tochter ablegen muss. Diese geht jedoch erstaunlich weise mit dem Thema um, wenn sie erkennt, dass ihre Mutter zeitlebens eine unterdrückte, gar nicht spießige Persönlichkeit mit sich herumtrug, die nun durch ihr Zuhören in ihrer Existenz bestätigt werden soll. Diese Einstellung gibt der Tochter – wie Stricker selbst Journalistin – die Möglichkeit zu einer recht objektiven Erzählweise und führt neben Überlegungen zu Liebe, Lügen und Leistungsgesellschaft schließlich zum Ergebnis: Eltern sind eben doch nur Menschen.

 

Sarah Stricker
Fünf Kopeken
eichborn
512 Seiten
19,99 Euro