Die>Latelife-Crisis<

von Katharina Voigt

 

Liebe und Sex im Alter – ein heikles Thema, das sich nicht jeder zu Gemüte führen will. Doch Tilo Prückner verarbeitet diese Dinge trotz, oder gerade wegen seiner 73 Jahre mit einem Augenzwinkern, das auch der jüngeren Generation ein erfrischend anderes Leseerlebnis beschert.

Willi Merkatz – 60 Jahre alt, 1,69m groß und Arzt in Berlin, Kreuzberg – steht unter der Dusche und weint bitterlich. So beginnt der Roman über einen gealterten Mann dessen Lebensordnung sich mit seiner Ehe immer mehr auflöst. Seine Frau Katarina will nach 39 Jahren eine Auszeit, was diesen komplett aus der Bahn wirft. So setzt er sich der betont belesene Mann mit Hang zur Kultur in seinen Cadillac und fährt nach Italien. Dort zelebriert er nach Jahren der mehr oder weniger selbst auferlegten Enthaltsamkeit seine Sexualität in Szenen, die irgendwo zwischen Komik, Ekel und Groteske angesiedelt sind.

Wieder zu Hause erfährt Wilhelm von der Affäre seiner Frau mit einem indischen Therapeuten und bandelt selbst mit seiner Sprachstundenhilfe an. Es folgt eine kurze, wilde, und doch immer wieder von Unsicherheit und Eifersucht zersetzte Phase, die jedoch bald von einer heftigen Diagnose gestoppt wird: Prostatakrebs. So entwickelt sich das Geschehen immer mehr zu einem Selbstfindungstrip für Wilhelm, bei dem er alles verlieren muss, um zu den essentiellen Fragen des Lebens vorzustoßen. Antworten gibt der Roman dabei wenige, spricht aber mit Bezug auf die großen Philosophen einiges an, was den Leser zum Nachdenken bewegt.

Der Autor dürfte den Meisten Lesern aus zahlreichen Krimis des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (»Adelheid und ihre Mörder«, »Tatort«, »Der Alte«), aber auch als Nachtalb aus der Verfilmung der »unendlichen Geschichte« bekannt sein, ist daneben aber auch ein vielgerühmter Theaterschauspieler. Der Roman hat eine klare autobiographische Prägung, denn Prückner macht keinen Hehl daraus, dass auch er nach über 35 Jahren Ehe von seiner Frau für einen indischen Massage-Therapeuten verlassen wurde. Und auch sonst lassen sich zwischen Autor und Hauptfigur – vom Auto bis zur Körpergröße – einige Ähnlichkeiten feststellen.

Trotzdem ist der Roman mehr als die banale Verarbeitung einer autobiografischen Begebenheit. Prückner drückt beim Leser die richtigen Knöpfe: Er bringt ihn zum Lachen, wenn Willi Merkatz nackt vor dem Spiegel Karate übt und dann doch nie seinen Gegner findet. Gleichzeitig fordert er den Geist mit durchaus fundierter Kenntnis über Kunst, Kultur und Philosophie, die er in fast ikonoklastischer Weise neu betrachtet und zusammenfügt. Und nicht zuletzt provoziert er mit den sexuellen Phantasien eines alten Lüstlings oder schonungslos detaillierten Prostatauntersuchungen auch Abscheu und Irritation – quasi »Feuchtgebiete« für die ältere Generation.

Ganz nebenbei ist der Roman durch ständige Einwürfe einer bis zuletzt unbekannten Frau im Dialog mit der Hauptfigur, die manchmal an den Kommentar des Regisseurs bei Filmen erinnern, vielschichtig und auch selbstkritisch. Denn hier hat Prückner eine ganz besondere Erzählweise aufgetan: Was der Protagonist vollkommen verklärt sieht, oder schwülstig in intellektuelles Palaver packt, wird von der ›Stimme aus dem Off‹ sofort entlarvt oder sogar zynisch kommentiert. Diese Stimme bestätigt meist den Eindruck des Lesers, der den Merkatz und seine Ansichten oft als seltsam empfindet und zeigt auf, dass Prückner seine Figur weit weniger ernst nimmt, als es vielleicht ohne diese Zusätze deutlich würde.

So lebt der Roman vor allem von seinen Gegensätzen: Willi Merkatz ist ein Mann, der mit seinen überholten Rollenmustern und der gleichzeitig betont kosmopolitischen Art widersprüchlicher nicht sein könnte. Oft denkt er wie ein Pubertierender und ist dabei doch unbestreitbar ein alter Mann. Vielleicht ist er nicht gerade sympathisch, aber das verlangt der Autor auch gar nicht. Denn gerade die Ecken und Kanten geben der Geschichte das, was ein gutes Buch mitbringen sollte: Sie beobachtet das Leben ganz genau, ist dabei aber ausgesprochen unterhaltsam und bereichert so den Leser ganz nebenbei um neue Sichtweisen.

 

Tilo Prückner
Willi Merkatz wird verlassen
Verbrecher Verlag, Berlin
304 Seiten
24,00 Euro