And The Wind Cries Lissa

von Tessa Friedrich (1. Oktober 2015)

 

München, 1971. Ein junger Mann zieht von Lübeck nach München, lässt seine Freundin und seine Familie hinter sich, um nicht nur zu studieren, sondern um in ein völlig neues Leben zu starten. Denn: »Mit 21 muß das Leben beginnen. Wie kann es anders sein?«

Wolfgang, genannt Wolf, startet in München ein Studium der Germanistik. Er hat klare Ziele vor Augen, will später Regisseur werden und braucht vor allem erst einmal eine Wohnung. Die ist schnell gefunden, und er wird Teil einer WG. Seine Mitbewohner: Lissa und Andreas, ein verlobtes Paar, das in einer offenen Beziehung zusammen lebt. Diese Offenheit wird für Wolf erst zum Segen, dann zum Fluch, und die drei verstricken sich in ihr persönliches Chaos.

Volker Hage, ehemaliger Literaturredakteur des SPIEGEL und Literaturkritiker, brachte mit Die freie Liebe seinen ersten Roman auf den Markt. Liebe ist in diesem Roman allgegenwärtig, frei ist die Form allerdings nicht. Als Rahmen für seinen Roman entschied sich Hage für jenes Werk, welches Johann Wolfgang Goethe über Nacht zu Ruhm verhalf: Die Leiden des jungen Werther. Die Binnenhandlung ist demnach in zwei Teile strukturiert, und auch der 21-jährige Wolf bewegt sich innerhalb derselben Gattung wie Werther, dem Briefroman. Allerdings schreibt Wolf keine Briefe an einen in der Heimat lebenden Freund, sondern an sich selbst – er notiert alles, was er erlebt und fühlt, bis ins letzte Detail mit einer Schreibmaschine, um es für sein älteres Ich zu archivieren. So schafft es Hage, das Lebensgefühl der 1970er Jahre, zusammen mit seinen technischen Erneuerungen, musikalischen Durchbrüchen und geschichtlichen Ereignissen, sehr nahe an die Gegenwart heran zu bringen. Verbunden ist dies mit einer Rahmenhandlung, die sich um den 40 Jahre älteren Wolf dreht, der später in der Wohnung seiner verstorbenen Mutter seine alten Aufzeichnungen wiederfindet und darin zu lesen beginnt.

Ebenso wie der formale Aufbau passt sich auch die Figurenkonstruktion dem Werther an. Wolf, der Stürmer und Dränger in einer späten Flower-Power Zeit, getrieben von dem Wunsch Neues zu erfahren und zu erleben. Andreas, der Erwachsene, der selten zu Hause ist und seiner Verlobten und Wolf somit unwillentlich freien Spielraum lässt. Und Lissa, die betörende Frau, um die sich alles dreht. Dass der Roman sich auch inhaltlich nicht wirklich von der Vorlage unterscheidet, ist selbstredend. Allein der finale Freitod bleibt aus, was man allerdings schon zu Beginn des Buches weiß, da ja sonst keine Rahmenhandlung existieren könnte. Dieser Punkt erhält jedoch die Spannung während des Lesens aufrecht, da so trotz aller Gemeinsamkeiten mit Goethe das Ende von Hages Roman nicht vorhersehbar ist.

Schwer nachzuvollziehen ist allerdings die Beziehung zwischen Lissa und Wolf. Nach charakterlichen Anhaltspunkten für ihre Liebe sucht man vergeblich. Lissa beherrscht die beiden Männer nicht nur durch ihre Anziehungskraft, sondern vor allem durch ihre Launen. Und besagte Anziehungskraft scheint, zumindest von Seiten Wolfs, nur aus optischen Reizen zu bestehen. Geredet wird nicht viel, da nur miteinander geschlafen wird, und wenn geredet wird, dann über Sex oder Kunst. Somit stellt sich die Frage: Wer liebt hier wirklich und was ist überhaupt »wahre« Liebe? Wildes körperliches Verlangen und Leidenschaft wie bei Lissa und Wolf? Sicherheit, stetige Rücksicht und Nachsichtigkeit wie bei Andreas? Oder doch eine sichere Lebenspartnerschaft, wie sie Andreas und Wolf in ihren älteren Jahren führen – was im Vergleich zu ihren jugendlichen Abenteuern jedoch langweilig erscheint? Wie viele andere Romane vor ihm findet auch Die freie Liebe hierfür keine eindeutige Antwort.

Zusammengenommen ergibt Die freie Liebe eine Hommage an die Liebe zur Literatur, zum Film und zur Liebe selbst. Goethe dient nicht nur als Vorlage für Hage, sondern wird auch von seinen Figuren selbst zitiert. Auch Begriffe wie »Sex« werden nicht durch trockene Pendants wie »Geschlechtsverkehr« ausgedrückt, sondern von Lissa liebevoll, fast schon kindlich-naiv, als »Geschichte machen« umschrieben. Nur der Chronist Wolf hält selbst nicht sehr viel von Literatur, so meint er: »Schreiben über Selbsterlebtes, um es später noch einmal durchleben zu können? So schöne Rückblenden wie das Kino schafft die Literatur nicht.« Hat man Die freie Liebe aber vor sich liegen, wirkt es so, als ob man das Gegenargument in den Händen hielte. Der Roman überträgt eine geballte jugendliche Lebenskraft und zeigt, dass bestimmte Momente das ganze Leben prägen können. Und auch wenn man nie herausfinden wird, was genau eigentlich Liebe ist, scheint es doch das Größte zu sein, was es gibt.

 

Volker Hage
Die freie Liebe
Luchterhand 2015
159 Seiten
16,99 Euro