Nehmt uns alles, nur nicht unseren Wohlstand!

von Philipp Schlüter (3. Oktober 2015)

Man hat es oft gehört: Wenn es auf einmal nicht mehr so rund läuft wie sonst, dann zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen oder die Qualität einer Beziehung.  Welche Gewichtung misst man dem Beruf und der damit verbundenen finanziellen Sicherheit in einer Partnerschaft bei, wenn der Zeiger sich in Richtung sozialer Abstieg bewegt? Was hat bestand, wenn alles andere wegbricht?  

Die Schriftstellerin Kristine Bilkau spielt dieses Szenario in ihrem Debütroman Die Glücklichen solide durch, indem sie einer jungen Familie eben dieses Schicksal auferlegt. Den zwei Anfang-Vierzigern Georg und Isabell scheint es gut zu gehen: Verheiratet und jeder in seinem Beruf erfolgreich – Isabell ist Cellistin beim Orchester und Georg Journalist bei einer großen Zeitung – befinden sie sich im Zenit des persönlichen Erfolges. Nach der Geburt ihres Sohnes Matti nimmt Isabell sich eine Auszeit, um bei ihrem Kind zu sein. Als sie wieder mit dem Cello-Spielen beginnt, kann sie nicht glauben, dass das ihre Finger sein sollen, die sich beim Vorspielen so unsicher verhalten. Das Zittern der eigenen Hände, das nur bei Auftritten einsetzt, wird sie die Anstellung im Orchester kosten, da ist sie sich sicher. Ein Kreislauf aus Angst und Nervosität entsteht: »Das Zittern steckt in den Gedanken. Von dort wandert es in die Hände.«

Das Zittern kommt als Eruption innerer Zweifel an den »zwei seltsamen Erwachsenen, die Theater spielen« daher. Es macht den Anschein, als habe Isabell in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau den Draht zu sich selbst verloren, als wären Isabell und Georg in ihrem eigenen Leben nur Statisten. Dazu gesellt sich eine Angst über die Gleichförmigkeit der Zukunft – alles scheint absehbar zu sein.

Man kann Kristine Bilkaus Roman auch als Gesellschaftskritik begreifen, die schon auf den ersten Seiten klarmacht, wo der kasus cnactus dieser Geschichte angesiedelt ist: im Unvermögen einer Generation sich nicht ständig zu vergleichen und sich selbst gegenüber und anderen ehrlich zu sein. Wer könnte der jungen Isabell verübeln, dass sie mit ihrem Mann nicht über ihre Angst spricht? Wohl keiner - die Konsequenzen folgen trotzdem. Als auch Georg einige Zeit später seinen Job verliert, entfernen sich die beiden zunehmend weiter voneinander. Isabell mauert immer mehr, mokiert sich innerlich über Georgs Art, während dieser im Internet Ausschau nach einer Wohnung außerhalb der Stadt hält, um selbst aktiv die sich wohl bald veränderten Lebensumstände nach unten anzugleichen.

Zwei wesentliche Sujets kommen in diesem Roman zusammen: Einmal die unterschiedliche Art und Weise zweier, sich nahe stehender Menschen, mit einer Lebenskrise umzugehen. Zweitens die Angst, das Gesicht vor den Mitmenschen zu verlieren, hilfebedürftig in einem Umfeld zu erscheinen, das keine Schwächen toleriert. Die Autorin zeigt authentisch, wie so ein Schneeball zur Lawine werden kann, die sich auf das Gemüt von Isabell und Georg legt. Mitunter hat man beim Lesen den Eindruck, dass es sich um einen Abgesang auf das alte Leben dieser Kleinfamilie handelt. Aber siehe da, etwas Neues ist im Entstehen begriffen, dass die eigene Zufriedenheit nicht nur an Äußerlichkeiten fest macht: »Es ist nicht so gelaufen, wie sie gedacht haben, na und.« Kristine Bilkau beschreibt ungemein detailversessen und mit einem Auge für kleine, zwischenmenschliche Gesten den Lebensweg von Georg, Isabell und Matti. Der präzise und kühle Erzählton erinnern in seiner Ausprägung an Peter Handkes Die linkshändige Frau oder auch an den lakonischen Sound Peter Stamms. Braucht es nun immer erst solche Katastrophen um zu einem Gesinnungswandel zu kommen? Dies hat für das wirkliche Leben ja ebenso Gültigkeit. Vielleicht ist es diesem Buch möglich, uns zu zeigen, dass wir Menschen zu allererst zusammengehören. Viel Geld, eine teure Wohnung – der ganze materialistische Krams kommt danach. Warum nun die Titelwahl „Die Glücklichen“? Thesenartig gedacht, weil man nach außen glücklich erscheinen kann, ohne es innerlich zu sein. 

 

Kristine Bilkau
Die Glücklichen
Luchterhand 2015
304 Seiten
19,99 Euro