Von einer, die Hinausschwamm, das Fürchten zu lernen...

oder: Karma hat das Donauweib!

von Nora-Eugenie Gomringer (15. Juli 2009)

Mieze Medusa hat ihr Romandebut im Wiener Melinda-Verlag veröffentlicht und einen sympathischen, leseleichten Text vorgelegt.Nora Klein, seine Protagonistin, ist eine kalte Person, der man das Kalt-Sein erst im Heranlesen an die Story anmerkt. Und es ist nicht ihre Schuld.Zwar ist ihr innerer Monolog eine große Lakonie, Zweckmäßigkeit und augenscheinliche Gerade, doch gibt es im Verlauf einen Charakterbruch, der einen verblüfften Leser einer komplexen Figur auf die Spur kommen lässt.

Mieze Medusa beherrscht ihr Metier. Sie lässt Klein als freie Grafikerin knapp vor der dreißig durch die Jobaquise-Hölle gehen, Logos designen und Absagen erhalten. Dabei schaut Nora ihr verspieltes, außerkörperliches Karma kommentierend über die Schulter und ihr neuer Mitbewohner Seb weckt ihre Neugierde, während die junge Britta anscheinend nur ihre Nähe sucht und ihr Auftraggeber Frank mehr als nur die. Von alldem und all dem anderen hat Nora Klein eigentlich die Nase voll. Wiederholte Male werden neue Ziele im Leben formuliert. Dinge müssen und sollen sich ändern, Zufriendenheit muss her! Einer Spoken Word Künstlerin und Rapperin gelingt hier ein Eingang in die Prosa, indem sie eine erfreulich unverschraubte Sprache und mit ihr einen unkapriziösen Ton treffen kann.

Mieze Medusa erkennt, dass Noras Auf und Abs sich gut eignen für eine kleine Geschichte, die einen zeitlichen Rahmen von etwa einem halben Jahr deckt. In dieser Zeit sehen wir Nora zu, wie sie strampelt, ein Verbrechen begeht und sich absetzt. Dazwischen und immer wieder zieht es sie ins Wasser der Donau, zum Donauweib, Nora Klein schnorchelt sich quasi frei von Sorgen, Gedankenloops und Karma-Geplapper. »Schwimmen ist deutlich psychoaktiv.« (S. 28) - Jon von Düffel dürfte das so ungesehen bestätigen.

Kein Wunder, dass sie am Ende ein Hilfsmittel für die Beherrschung des Elements ersteht und sich in seiner Anwendung übt. Doch während sie noch in Wien ist, schwimmt sie lediglich, lässt sich treiben. Das Wasser ist weiblich, eine Urkraft, eine Sehnsuchtsmaterie, die einen sein lässt wie man ist (oder verdammtnochmal sein möchte). Freischnorcheln ist ein Entwicklungsroman, der offene Stellen lässt, ein paar sehr gelungene Charakterzeichnungen liefert. Realistisch und komplex sind die Vorgänge und Abläufe zwischen den Handelnden und die sind - man kann es nicht anders sagen - bisweilen tief traurig, hilflos und einsam. Mieze Medusa setzt dem Leser eine männliche, extrem selbstbehauptungsfreudige Protagonistin vor, die ihr Leben trotz allem nicht recht in den Griff bekommt, der es wie Wasser durch die Hände rinnt. Eine Nixe an Land, ein Zauberwesen, nicht recht dazugehörig und in ihrer Geschlechterrolle nicht aufs bewundernde Ah und Oh und Amen-sagen abonniert, wenn es um das starke Geschlecht geht. Nora Klein handelt wie ein Mann, will man das Clichee hier aufführen. Irgendwie denkt man bei der Lektüre an den freundlichen Trotz der Pippi Langstrumpf und die Paranoia Sartrescher Figuren. Man schmunzelt über ihre Weltsicht, erkennt die Ziellosigkeit der frühen dreißger Jahre im Leben als Generationsproblem an und liest sich heran an die Feministin Nora Klein. Dabei natürlich auch an ihre Erfindern, die Wahlwiener Autorin, Veranstalterin und Musikerin Mieze Medusa, die sich nach eigener Aussage sehr bewusst in einem renommierten Frauenbuchverlag positioniert hat. Hier wird unsereinem (kurz vor der 30, selbstständig, beziehungsungnädig) ein Spiegel vorgehalten und siehe da...ein Fischschwanz ziert neuerdings das Hinterteil.

Männer, lest das, wenn ihr eure Frauen nicht nur 0815 und 90-60-90 wollt!

Frauen, lest das, wenn ihr Euch immer schon gefragt habt, wie man 007 und Arielle erfolgreich kreuzt!


Freischnorcheln
Mieze Medusa
Milena Verlag Wien 2008
162 Seiten
15,90 Euro