Vom Scheitern auf der Suche nach dem Glück

von Marlene Hartmann (18. November 2015)

»Je mehr ich erzähle, desto stärker wird meine Sehnsucht nach diesem Leben, das sich jetzt, wo es vorbei ist und ich nur noch davon rede, so gut anhört, wie es sich niemals angefühlt hat.« So zieht Nina Resümee, nachdem ihr Leben sich in eine Richtung verändert hat, in die sie nie wollte. Ein Leben ohne Freunde, ohne Partner, ohne Glück, aber dafür mit einem Kind. Von den Schattenseiten des Mutterseins und einer abgründigen Gedankenwelt erzählt Verena Friederike Hasel in ihrem Romandebüt Lasse.

Ninas bisheriges Leben als Studentin war von Schönheit, Freunden und einem gewöhnlichen Alltag durchzogen. Doch als sie sich in den jungen Arzt Lennart verliebt, tun sich Abgründe auf, die ihr gesamtes Leben verändern. Sie entwickelt eine ungesunde Besessenheit von einer Zukunft mit Lennart, mit deren Erträumen sie von nun an ihre Zeit verbringt. Dabei tauchen wir als Leser tief in ihre Gedanken ein, die ein stets unbehagliches Gefühl bereiten. Denn man kommt nicht umhin zu bemerken, dass Nina sich immer mehr in Richtung Fanatismus bewegt. Als sie schwanger wird, scheint dieser Traum von einer perfekten Zukunft wahr zu werden. Doch ihre Fantasie wird mit einer komplett gegensätzlichen Wirklichkeit konfrontiert. Mit ihrer Konfliktscheue und Flucht in die Imagination legt sie sich Steine in den Weg, bis sie schließlich allein dasteht. Gemeinsam mit Nina fühlt man sich machtlos, verloren und möchte ihr Leben am liebsten eigenhändig wieder in die richtige Bahn lenken.

Lasse kommt mit seiner stark subjektiven und doch nüchternen Erzählweise fast wie eine Fallstudie daher, die stellenweise sogar etwas zu konstruiert wirkt. Psychische Probleme, Realitätsverlust und der Rückzug in ein Leben ohne Glück – das alles sind Themen, die einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Es ist definitiv kein Roman, der gute Laune verbreitet und das klischeebehaftete Mutterbild euphemistisch umschreibt. Ganz im Gegenteil: Ninas ungeschönte Geschichte bietet einen Anstoß zum Nachdenken und Umdenken, zum Zweifeln und Verzweifeln.

Wer keine Angst vor menschlichen Abgründen und unschönen Wahrheiten hat, der sollte auf jeden Fall einen Blick in diesen andersartigen und authentischen Roman werfen.

 

Verena Friederike Hasel
Lasse
Ullstein 2015
208 Seiten
18,00 Euro