Hölderlin-Hisbollah

von Kevin Dühr (28. November 2015)

 

Stellen Sie sich vor, Friedrich Schiller wäre in den heutigen Libanon gereist. Wie wären seine Räuber ausgegangen? Würde die Aufopferung Karls letztendlich die herrschenden Verhältnisse aufrecht erhalten?

Das hängt vermutlich davon ab, wie man das Finale des Schiller'schen Dramas beurteilt. Albert Ostermaier lässt in Lenz im Libanon Jakob Michael Reinhold Lenz in den Libanon reisen und orientiert sich dabei zu großen Teilen an Georg Büchners späte Schrift über den Sturm & Drang-Schriftsteller Lenz

Genie und Wahnsinn 

Zugegeben, Ostermaiers Lenz ist nicht mit seinem Vorbild gleichzusetzen, verweist jedoch nicht nur durch den Namen auf ihn. Als Schriftsteller und Mensch von der Gesellschaft missverstanden reist die Hauptfigur nach Beirut, um Abstand zu gewinnen. Lenz braucht Abstand vom Literaturbetrieb, der Liebe, dem Leben und legt es auf elementare Erfahrungen an. Eher zufällig gerät er an den Fotografen Samir und seinen Bekannten Kassir, die ihn mit in die Delegation des deutschen Außenministers zur Besichtigung eines Flüchtlingslagers schleusen. Schon während dieses Aufenthalts und inmitten des Beiruter Nachtlebens entgleitet Lenz jedoch der Realität. Er findet sich in Träumen zwischen Gewaltphantasien und Liebesgeschichten wieder.

Wie in Büchners Lenz verfällt auch dieser Lenz dem Wahnsinn. Kunstvoll wechselt Ostermaier oft unbemerkt zwischen Realität und Traumwelt, während das Alliterationsstakkato der Sätze schnell seinen Reiz verliert, jedoch hervorragend das Erkenntnisverlangen der Figuren und ihrem Widerstreit über die richtigen Methoden unterstreicht. Denn in der Stadt der Gegensätze, in der Alltag und Ausnahmezustand aufeinandertreffen, versucht Lenz zu begreifen. Er versucht zu verstehen, wie der Mensch sowohl alleine als auch in der Gemeinschaft zu all dem fähig ist. Um den abstrakten Zusammenhängen näher zu kommen, wendet er sich an den wahnsinnigen Hölderlin. Um die Rezeption und Verarbeitung seiner Eindrücke ins rechte Licht zu rücken, lauscht er den Diskussionen des Fotografen Samir und dem Intellektuellen Kassir über Wahrheit und Wirklichkeit der Medien und Künste. Und um sich selbst als Mensch und Künstler wiederzufinden, begibt er sich mitten in die Höhle des Löwen. Mehrmals gelesen gibt dieses Buch keine Antworten auf essentielle Fragen, ist jedoch ein Plädoyer für die schriftstellerische Arbeit und die Gefahr ihrer Erkenntniskraft.

 

Albert Ostermaier
Lenz im Libanon
Suhrkamp 2015
192 Seiten
19,95 Euro