Not My Cup of Tea

von Alena Verrel (2. Dezember 2015)

 

 

 

Es ist immer schwierig, eine Rezension zu verfassen. Schwieriger noch, eine Rezension zu schreiben zu einem Buch, was einen nicht begeistern konnte. Wie kann man sich auch der Arbeit, die der Autor in das Buch gesteckt hat, dem Herzblut, welches in es hineinfloss, entziehen?
Einen Verriss will man ganz sicher nicht schreiben, schon zu viele schlechte Aufsätze und Hausarbeiten hat man im Leben gelesen um nicht erkennen zu können, dass sich jemand hier tatsächlich Mühe gegeben hat. Man beginnt, an sich selbst zu zweifeln: Habe ich mir nicht genug Zeit gegeben? Bin ich eventuell zu gestresst gewesen, um die Nuancen richtig zu sehen? Entgeht mir der inhärente Witz der Geschichten? Erst wenn diese Fragen mit Nein beantwortet wurden macht man sich an die Arbeit und rezensiert möglichst wertungsfrei – ist einem der Autor doch durchaus sympathisch und herzensgut vorgekommen.

Rainer Dabrowski und sein Buch verknackt – vergittert – vergessen. Ein Gefängnispfarrer erzählt ist weder schlecht geschrieben, noch vollkommen unerträglich. Es ist aber ein Buch, welches man nach der Hälfte weglegen könnte, ohne das Gefühl zu haben, etwas Großes zu verpassen. Der einzige Grund dafür, das Buch zu Ende zu lesen war es, herauszufinden, ob sich die Krankengeschichte des Pfarrers letztendlich geklärt hat.

Der Autor dieses Buches ist DDR-Flüchtling. An und für sich auch eine sehr spannende Geschichte, welche dort erzählt wird, jedoch ohne wirklichen Bezug zum Thema. Oft bekommt man das Gefühl, der Herr Pfarrer sieht sich in einem ‚heiligeren‘ Licht, als es unbedingt der Situation angemessen ist. So ist ein innerer Aufruhr ob des obligatorischen Wehrdienstes nun Mal nicht ganz dasselbe wie die Widerstandskämpfe der Nazigegner während der Hitlerzeit. Natürlich sind da (minimale) Parallelen, jedoch an sich nicht genug.

Ähnlich auch die Schilderungen der Krankengeschichte. Einen wirklichen Sinn hat es meiner Ansicht nach nicht, die genaue Krankheit nicht zu benennen. Es werden Andeutungen gemacht, es wird mal mehr mal weniger genau in eine Richtung gezeigt, jedoch sieht man wieder nicht den Zusammenhang mit der Hauptgeschichte. Oder man überspannt den Bogen fast bei der akrobatischen Verrenkung des Geistes, welche den Zusammenhang mit Mühe und Not herstellen kann.

Die Geschichten des Pastors aus dem Gefängnisalltag sind durchaus interessant. Ich mache es Herrn Dabrowski nicht zum Vorwurf, dass nach der Beschallung der heutigen Medien und dem Aufwachsen mit einem Polizisten als Vater und einer Gefängnispsychologin im Bekanntenkreis keine allzu erschütternden Neuigkeiten verbreitet werden konnten. Gefängnisse sind eben oftmals die Auffangstelle für alle, welche nirgendwo anders mehr hinkommen können – egal ob Insassen oder Angestellte.

Es sei ihm hoch angerechnet, dass seine Darstellungen in Bezug auf den Gefängnisalltag weder geschönt, noch nennenswert generalisiert wurden. Die Kritik, die Dabrowski äußert, ist legitim, seine Probleme und die von vielen in seinem Berufsfeld und seine Einschätzungen auch in Bezug auf Kollegen und Mitarbeiter wunderbar brutal ehrlich.

Dieses Buch mag etwas sein für Menschen, die sich vorher noch nie mit dem Leben in einem deutschen Gefängnis beschäftigt haben. Für alle, die es interessiert, wie dort die ganz alltäglichen Dinge vor sich gehen, und diejenigen, die sich wie der Herr Pastor dagegen aussprechen, dass die Gefängnisinsassen einfach nur weggesperrt werden und ohne Rückführungsmaßnahmen ihre Zeit absitzen. Eine Resozialisierung in den deutschen Anstalten ist bei dem Mangel an Personal und Mittel tatsächlich nicht realisierbar.

 

Rainer Dabrowski
Verknackt – vergittert – vergessen. Ein Gefängnispfarrer erzählt
Gütersloher Verlagshaus 2015
224 Seiten
17,99 Euro