Theory of Everything

von Kevin Dühr (9. Dezember 2015)

 

 

Das sich im leeren Raum ausbreitende Universum beinhaltet schätzungsweise einhundert bis zweihundert Galaxien. In jeder Galaxie finden sich etwa einhundert Milliarden Sterne und zehn Milliarden Planeten. Auf mindestens einem dieser Planeten leben ungefähr sieben Milliarden Menschen in 194 Staaten. In einem dieser Staaten leben über 80 Millionen Menschen in mehr als 2.060 Städten. 
Friedberg in der Wetterau hat heute knapp 28.000 Einwohner und einer davon war in den 1980er Jahren der fünfzehnjährige Andy. Nach dem Zimmer, dem Haus und der Straße erkundet Andreas Maier im vierten Teil seines Wetterauer Romanzyklus' den Ort und die großen Zusammenhänge im Kleinen.

Fick das System

Wo sich andere Autoren vornehmen, nach den großen Zusammenhängen der Weltpolitik zu fragen oder eine Antwort auf die ewig währende Sinnfrage zu finden, nimmt sich Andreas Maier vor, sein letztes Werk aus dem zu gestalten, was ihn und sein Leben ausmacht. »Deine Heimat, die ganze Wetterau, deine Familie, deine Geschichte zwischen zwei Grabsteinen und Steinbrüchen, [aus all dem entsteht] ein Werk, das du so lange weiterschreibst, bis du tot bist, […]« Im bereits vierten Teil des Romanzyklus' Ortsumgehung erinnert er sich an lange Spaziergänge, Geburtstagsfeiern, »die gerade den Übergang darstellten von einem Kindergeburtstag zu einem Nicht-mehr-Kindergeburtstag«, und die erste Liebe. Peinlich genau seziert Maier die Stationen einer Jugend, die mit Hilfe der Pubertät bald ein anderes Bild der Welt vermitteln als jene, die man mit Kinderaugen erfahren hatte. Was man früher geglaubt hatte zu wissen, sollte plötzlich ganz anders erfahren werden. Auf das Erwachen und Wachsen der eigenen Persönlichkeit folgt die rebellische Phase, die Suche nach anderen Vorbildern, nur um bald darauf festzustellen, dass die selbstgewählten Kategorisierungen der Welt und deren inszenierte Umsetzung keinesfalls mehr sind als Klischees. Die Leichtigkeit der ersten Liebe scheint unendlich, jedoch bleibt allgegenwärtig der Geschmack der verlorenen Unschuld zurück. Andreas Maier schafft es, die Irrungen und Wirrungen mit wenigen Sätzen so detailliert wiederzugeben, dass der Leser mit Leichtigkeit ins Gefühlschaos dieser Tage zurückfällt, um schließlich von der Absurdität des Erkenntnisgewinns überrumpelt zu werden. Und plötzlich sieht man sich selbst fünfzehnjährig inmitten seiner Freunde, in heimatlicher Umgebung, mit selbstgemachten Sorgen und dann ist da der Rest der Welt.

 

Andreas Maier
Der Ort
Suhrkamp 2015
160 Seiten
17,95 Euro