Play it again – Zum 25. Todestag von Friedrich Dürrenmatt

von Dominik Achtermeier (21. Dezember 2015)

 

 

In diesen Tagen erinnert man sich nicht ohne Grund an den für uns Literaturbegeisterte unvergessenen Maler, Denker und Autor von Weltrang, dessen Werke weit über die Grenzen der deutschsprachigen Literatur bekannt sind und in über 44 Sprachen übersetzt wurden. Bis heute findet ein breiter, immer wieder neue Wege einschlagender Diskurs über die Schriften, Dramen und Prosatexte des kritischen Weltenbürgers Dürrenmatt (05.01.1921 – 14.12.1990) statt.

Einen besonders vielfältigen Überblick über die aktuellen Auseinandersetzungen mit dem Schweizer und seiner Literatur verschafft die 862. Ausgabe der Zeitschrift der Kultur Du, die eine 98 Seiten starke Sonderausgabe zum 25. Todestag des F. D. in Zusammenarbeit mit dem Centre Dürrenmatt Neuchâtel herausgegeben hat. Es ist ein ordentliches Qualitätsheft geworden, was vor allem auf die gelungene Mischung aus abgedruckten Kunstwerken Dürrematts, spannenden Interviews (etwa mit der Tochter Ruth Dürrenmatt oder der Lektorin Anna von Planta) oder interkulturell-philosophischen Stimmen zum Werk Dürrenmatts zurückzuführen ist. Das wohl am breitesten rezipierte Theaterstück eines Dramatiker, der sich immer und immer wieder an das Überarbeiten von bereits abgeschlossenen Stücken machte, kennt man in China ebenso wie in den Vereinigten Staaten: Der Besuch der alten Dame aus dem Jahr 1956. Im Du interpretiert Anja Nolte das Stück auf kunstvolle Weise, indem sie den Originaltext des Dramas in ihrem grell-bunten Comic integriert.

Ein Name sticht während der Lektüre ganz deutlich hervor: Es ist der Name des Verleger und Chefredakteurs Oliver Prange, der viele Weggefährten Dürrenmatts für ein Interview gewinnen konnte und auf diese Weise eine besondere wissenschaftliche Arbeit am Werk des Schweizers leistete.

Auch der Hausverlag des Friedrich Dürrenmatt, der Diogenes Verlag, veröffentlichte nun zum Gedenken an ihren Autor eine besonders schmuckvolle Gesamtausgabe aller Stücke – 14 an der Zahl – die wie die antiken Schriften Homers überzeitlich scheinen. Finanzkriese, Flüchtlingswellen, Zerrissenheit des Menschen, der von den Machtsystemen in seine Schranken gewiesen wird. Auch heute noch haben wir Angst vor der großen, unbekannten Atombombe, über die Die Physiker diskutieren. Wir haben eigentlich Angst vor so vielen Dingen, die Dürrenmatt alle schon Jahrzehnte zuvor angesprochen hat: seien es Klimaerwärmung, Identitätenklau oder Manipulation durch finanzielle Spritzen hier und da. Auch heute tanzen viele noch um das Goldene Kalb herum, egal was sich dahinter verbirgt, der Glanz blendet sie zu sehr, und Auch eine Claire Zachanassian hat mal als Klara Wäscher angefangen. Wen wundert es da noch, dass die Weltbühnen auch in den kommenden Jahrzehnten nicht auf den Namen Dürrenmatt verzichten werden. Filmische Adaptionen wird es ebenfalls weiterhin geben – vielleicht traut sich der Film ja auch einmal an Dramen wie Frank der Fünfte oder Der Mitmacher. Die bekannten und unbekannteren Stücke sind es einfach wert, immer wieder neu entdeckt zu werden. Gleichzeitig trifft man als Leser oder Zuschauer auf den Urheber dieser unvergesslichen Figuren – eine mal zerstreute, mal deutlich-anklagende Persönlichkeit mit dem Sinn für das Groteske. Neben den Stücken findet man im Sonderband auch die theatertheoretischen 21 Punkte zu den Physikern, prägnante Nachweise zur Enstehungs- und Aufführungsgeschichte sowie zur Textgrundlage und eine umfassende Chronik zu Leben und Werk. Eine Gesamtausgabe seiner Prosatexte und theoretischen Essays wünscht man sich da ganz automatisch herbei. Vielleicht plant Diogenes aber auch schon an diesem Projekt – warten wir es ab.

Ein Must-Have für Literatur-, Theater- und Kunstbegeisterte. Ein Must-Have für all jene, die den Zeitgeist einmal kritisch unter die Lupe nehmen wollen.

Play it again!

 

 

Du – Die Zeitschrift der Kultur
Nr. 862 „Friedrich Dürrenmatt. Denker – Maler – Weltautor“
Du Kuturmedien AG
98 Seiten
15 Euro

Friedrich Dürrenmatt
Die Stücke
Diogenes
1584 Seiten
40 Euro