Wenn du denkst, mehr könnte nicht schiefgehen...

von Tina Betz (18. Dezember 2016)

 

 

Wenn einer weiß, wie es sich anfühlt, zu scheitern und wirklich immer wieder zu scheitern, dann ist es Aldo Benjamin, der Protagonist in Steve Toltz’ Roman Fließsand oder eine todsichere Anleitung zum Scheitern. Schon seit seiner Schulzeit verfolgt Aldo das Schicksal und verpasst ihm eine Ohrfeige nach der anderen: Er scheitert mit jedem seiner Projekte an Geld zu kommen, seine Frau verliert das gemeinsame (ungeplante) Kind kurz vor der Geburt, seine Ehe scheitert, eine Erpressung geht völlig daneben, er scheitert selbst an seinem eigenen Selbstmord und fristet sein restliches Dasein im Rollstuhl. Aldos bestem Freund Liam geht es nicht viel besser, zwar scheitert dieser im Leben ebenso, schafft es aber dennoch ein halbwegs normales Leben zu führen – im Gegensatz zu Aldo. Seine Biographie mutet geradezu grotesk misslungen an, und genau das will der Möchte-gern-Schriftsteller Liam zu Papier bringen.

Die Geschichte in der Geschichte der Geschichte...

Toltz beginnt seinen Roman nicht mit dem Beginn von Aldos Scheitern, sondern kurz vor dessen Höhepunkt. Er arbeitet sich in Rückblenden und Erinnerungen Aldos und in literarischen Ergüssen Liams durch Aldos Biographie. Dabei bilden Anfang und Schluss einen Rahmen, in den sich immer wieder eigene Episoden aus Aldos Leben finden, die teilweise geradezu szenisch gestaltet sind. Die Erzählerperspektive verändert sich immer wieder und zeigt, wie kunstvoll Toltz’ verschachtelte Erzähltechnik anmutet. Nach und nach setzen sich alle Puzzleteile dieses völlig misslungenen Lebens zusammen. Obwohl Aldo immer wieder buchstäblich am Boden liegt, beweist er einen schier unendlichen Lebenswillen, der ihm selbst nicht geheuer ist und sogar den eigenen Selbstmord vereitelt. Obwohl immer wieder andere Figuren auftauchen, sind sie neben Aldo doch Nebendarsteller. Im Grunde bringt Toltz in seinem Roman die Handlung auf eine unsichtbare Bühne, was durch die wechselnden Szenen verstärkt wird. An einigen Stellen wirkt Aldo fast wie ein zweiter Hiob, der schließlich sogar Gott anfleht, ihm den Sinn seines Leidens zu offenbaren – natürlich in seiner ganz eigenen Art. Letztendlich entsteht daraus eine Schnapsidee Aldos, die genauso grandios scheitert wie alles andere was er anpackt. Einerseits wirken die ständigen Fehlversuche des Protagonisten lächerlich, andererseits schon beinahe satirisch und überzeichnet. Dadurch entbehrt der Roman jeglichen Realitätsbezug, was aber zu der dramatischen Parodie passt, die den Roman auszeichnet. Hinzu kommt eine gnadenlos ehrliche und lakonische Sprache, die zu Aldo wie die Faust aufs Auge passt. Steve Toltz ist mit seiner todsichern Anleitung zum Scheitern keinesfalls gescheitert, sondern macht deutlich, dass das Leben vielleicht manchmal gar nicht so misslungen ist wie wir selbst meinen... es geht immer schlimmer.

 
Fließsand oder eine todsichere Anleitung zum Scheitern
Steve Toltz
DVA 2016
528 Seiten
24,99 Euro