Lost in Berlin

von Maximilian Hetzelein (4. August 2017)

 

 

Kodjo hat ernstzunehmende Schwierigkeiten: Erstens hat der Mann aus Ghana keine Arbeitserlaubnis mehr, denn er ist zweitens, der Buchtitel verrät es, nach einer Scheidung illegal in Deutschland unterwegs. Mit illegalem Aufenthaltsstatus in Berlin leben bedeutet, unsichtbar in der Großstadt zu agieren. Kontakt zur Polizei, rennen oder anderweitig auffallend in Erscheinung zu treten sind Dinge, die Kodjos Lebensumstände zehn Jahre lang nicht dulden; oder duldeten, denn jetzt wird er per Phantombild gesucht und auf der Flucht gelten andere Gesetze.

Seine Gegner sind die Staatsmacht mit klickenden Handschellen, sowie die Schergen einer Sicherheitsfirma. Ihr Auftraggeber ist der Grund für das Dilemma. Als mächtiger Baulöwe möchte er den Mord an einer Prostituierten vertuschen. Tennisspielen ist nun mal schöner als schwedische Gardinen putzen. Und wer eignet sich als Sündenbock besser als ein am Tatort gesehener Schwarzer ohne Aufenthaltsgenehmigung? Folglich nimmt Kodjo die Beweisführung unfreiwillig selbst in die Hand. Eines ist sicher: Auf die Hilfe der Behörden kann er mit seinem Status als Illegaler nicht bauen.

Selbsternannte Detektive, die im Schweiße ihres Angesichts Fälle lösen, kennen Film, Hörspiel und Literatur wahrlich zur Genüge. Autor Max Annas stellt das bekannte Schema dabei vor ein interessantes neues Setting. So lernt der Leser die hippe Hauptstadt durch die nervös flackernden Augen eines Fliehenden (neu) kennen. Wenn Polizisten, die beim Asia Imbiss pausieren, eine existenzbedrohende Gefahr darstellen und Kodjo gehetzt von rassistischen Schlägern durch Berlin hastet, gelingt es dem Autor eine spannende Atmosphäre zu erzeugen, die durch dichte Beschreibungen der Szenerie packen. Annas nüchtern-deskriptiver Schreibstil unterstreicht diese mit konterkarierendem Tonfall. Hier steht der vorliegende Thriller in guter Tradition zu seinen prämierten Vorgängern Die Farm (Deuter Krimi Preis 2015) und Die Mauer (Deutscher Krimi Preis 2017). Auch in die Gefühlswelt eines offiziell Exkludierten und in geknüpfte Bündnisse innerhalb seiner Ethnie erhält der Leser einen guten Einblick. Die Angst erwischt zu werden wird gut nachvollziehbar: »Kodjo rechnete in Sekunden. Wenn er selbst unten ankam und die Bahn sofort eintraf, war er weg. Entkommen. Aber wenn sie auch nur noch zwei Minuten brauchte… Dann lagen die Dinge anders.«

Trotzdem erlangt die Handlung auf 240 Seiten nicht die vorgelegte Dichte der Actionsequenzen. Kodjos Alltag besteht weiterhin aus Aufstehen, Arbeiten als Küchenhilfe, Streit mit der Freundin, Biertrinken und immer wieder Pastadinner bei einer Bekannten. Wenn Kodjo, als er von der Fahndung hört, Geschirr zu Bruch gehen lässt und seine Chefin als selbstlose, gute Seele gezeichnet wird, mag das ziemlich platt wirken. Seine Motivation in Deutschland Geschichte zu studieren und die Hintergründe der verhängnisvollen Scheidung bleiben ebenso unscharf, wie die Charakterentwicklung auf der Strecke bleibt. Die Suche nach dem Mörder ist im Wortsinn plakativ gestaltet und nährt sich von Zufälligkeiten. Glücklicherweise hat sich Annas noch eine Finte für das Ende aufgespart, die eine konsequent-dramatische Lösung anbietet.

Insgesamt bietet der Rowohlt Verlag mit Max Annas‘ Illegal eine temporeiche Lektüre, die mit ihren intensiven Actioneinlagen punktet und durch den gewählten Blickwinkel gefällt. Gleichwohl geht der Mörderjagd quer durch Berlin an manch einer Straßenkreuzung narrativ bisweilen etwas die Puste aus.

 

Max Annas
Illegal
Rowohlt 2017
240 Seiten
19,95 Euro