Schlank sein um jeden Preis!

von Laura Dotzauer (9. August 2017)

 

 

 

Schlank sein um jeden Preis! Äsa Ericsdotter treibt in ihrem Roman den Schlankheitswahn der heutigen Zeit auf die Spitze. Als eine makabere Anlehnung an die Judenvernichtung im Dritten Reich soll der Roman schockieren, verleitet aber auch zu dem einen oder anderen ungewollten Schmunzeln. Zur bedrohten Randgruppe gehören in ihrer Welt die, die dem Schönheitsideal nicht entsprechen, stark übergewichtige Menschen, welche aus dem »schönen« Schweden verschwinden sollen … für immer.

Das verschrobene Schönheitsideal sowie die leichte politische Manipulierbarkeit der heutigen Generation kritisiert sie gekonnt, wenn auch ab und zu auf ungewollt komische Weise. So ist eine Magenverkleinerung bei Neugeborenen zwar schockierend aber auch so absurd, dass es schon wieder lächerlich wirkt.

Sie spielt mit den verschiedenen Blickwinkeln auf das zukünftige Schweden, um nicht nur Opfer sondern auch Täter zu zeigen. Allerdings leidet unter dem zu häufigem Wechsel des Erzählers die Verständlichkeit Geschichten der einzelnen Figuren. Man lernt die einzelnen Charakter nie richtig kennen und lieben und kann sich so auch nicht mit ihnen identifizieren, geschweige denn mit ihnen leiden. Das und ein non existenter Spannungsbogen führen dazu, dass man das Buch, egal an welcher Stelle man sich gerade befindet, ohne Reue zu und nie wieder aufklappen könnte. 

Im Schweden der Zukunft hat die Gesundheitspartei die Macht ergriffen. Eine Partei mit nur einem Ziel die »Fettepidemie« zu stoppen. Kritisiert wird hierbei dabei die leichte Manipulierbarkeit der Menschen, denn es braucht kein ausgefeiltes Programm um eine Wahl zu gewinnen. Man muss nur Glück haben, einen Trend erwischen, der die Leute begeistern kann und sich verkaufen können. Das Programm der rechtspopulistischen Partei ist die »Ästhetisierung« Schwedens und dabei geht es nicht um die Städte, nein, es geht um die Bevölkerung. Dies soll mit abwegigen Schlankheitsmaßnahmen erreicht werden, darunter astronomisch hohe Zuckersteuern, dubiose Schlankheitsmedikamente wie Bandwürmer, Fitnessstudios in Kirchen sowie drohender Entlassung sollte das Fett nicht schnell genug schmelzen.

Landon Thompson-Jaeger, der Hauptprotagonist, lässt sich von so etwas sein Bäuchlein nicht verbieten. Er verliebt sich in die mollige Helena, die mit ihrer kleinen Tochter vor dem Druck der Gesellschaft aufs Land flieht. Doch die Romanze endet jäh, als Helena verschwindet und mit ihr viele andere fettleibige Schweden. Der ganze Roman besitzt viele Parallelen zum Nazi-Regime, darunter auch das Brainwashen in Schulen, Propaganda über alle Kanäle, und die Diskriminierung einer Minderheit, die mit »Säuberung« endet. Eine vielseitige Erklärung der »Ignoranz der Bevölkerung« fehlt jedoch. Das »unbemerkte Abschleppen Tausender« wird Verwandten wie Freunden mit einer »Zwangskur« erklärt und von diesen akzeptiert.

Gegen Ende wirkt ihr Roman übereilt. Szenen werden unübersichtlich und wirken unüberdacht. So gelingt schlussendlich die Enthüllung der bösen Machenschaften der Gesundheitspartei durch einen überraschenderweise erfolgreichen Plan. Mit einem veralteten Ausweis und der Ausrede, von der amerikanischen Gesundheitspartei geschickt worden zu seien, verschafft sich ein amerikanischer Forscher, den Landon zu Hilfe rief, Zutritt zu einem Schlachthof. Da Fleisch unter der Gesundheitspartei in Schweden verboten wurde, standen diese leer und werden so in Anlehnung an die KZs zur Vernichtung der »Dicken«  genutzt. Alles für ein schöneres Schweden. Dort macht er heimlich Fotos, deren Veröffentlichung der Ära der Gesundheitspartei ein jähes Ende bereiteten.

So kann man zum Schluss zu den Fragen: »Warum werden die »Schweineschlachthöfe nur nachts bewacht?«, »Wieso kümmert es keinen, dass tausend Leute einfach verschwinden?«, die Frage: »Wie kann sich der Amerikaner mit einer so stumpfen Ausrede einfach so Zutritt in einen dieser Schlachthöfe verschaffen?« gesellen. Diese werden sich auch beim Lesen von Epidemie nie klären.

Äsa Ericsdotter
Epidemie
Arctis Verlag 2017
384 Seiten
22 Euro