Voulez-vous coucher avec moi?

von Svenja Zeitler (6. August 2017)

 

 

Die New Yorker Journalistin Emily Witt ist Anfang 30 und steht wieder mal vor dem Ende einer Beziehung. Nun beginnt sie daran zu zweifeln, ob das, sonst so selbstverständlich auf sie zukommende, erfüllende Ende ihres Liebeslebens mit Ehe und Kindern wirklich auch für sie vorgesehen ist. Sie beschließt das alles jetzt selbst in die Hand zu nehmen und ihre Sexualität über ihre gewohnten Grenzen hinaus zu erforschen. In San Francisco stürzt sie sich in zahlreiche Experimente: Von einer neuen Bewegung der Orgasmischen Mediation, über das Eintauchen hinter die Kulissen der Pornoindustrie, bis hin zur Teilnahme am Sex-, Kunst- und Drogenfestival Burning Man. Daraus entsteht das Buch »Future Sex«, in dem sie ihre Erfahrungen mit dem Leser teilt.

Auf ihrer außergewöhnlichen Selbstfindungstour erforscht die abenteuerlustige Frau verschiedene Gebiete, in die auch der Roman thematisch unterteilt ist: Erwartungen, Online-Dating, Orgasmische Meditation, Internetpornografie, Live-Webcams, Polyamorie, Burning Man, Verhütung und Fortpflanzung und schließlich ihr Fazit: Future Sex.

»Ich hatte so eine Vielfalt an Möglichkeiten für mich selbst nicht gesucht, und als ich auf einmal die totale sexuelle Freiheit hatte, war ich unglücklich.« Eine Mischung aus persönlichen Erfahrungen, Eindrücken und Meinungen und einem Theorieblock aus Geschichte und Philosophie zum entsprechenden Thema geben einen nachvollziehbar und interessant gestalteten und gut informierenden Überblick über die jeweilige sexuelle Praktik. Besonders geht die Autorin dabei auf die Menschen ein, die sie dort kennenlernt und die in der jeweiligen Richtung praktizieren. Ihr Umgang und die Beschreibung dieser bleibt dabei stets einfühlsam und respektvoll. Witt ist ehrlich und teilt dem Leser beständig ihre Gedanken und Gefühle mit, auch wenn diese nicht immer positiv sind und ihre eigenen Unsicherheiten offenbaren. Man erhält so wirklich einen Einblick in die verschiedenen Gebiete – nicht nur einen neutralen oder gar positiv-bewerbenden Überblick.

Allerdings konnte ich manchmal die Langeweile nicht unterdrücken, als ich mich durch Seiten voller Jahreszahlen und Geschichtsereignisse arbeiten musste. Was innerhalb jedes Kapitels zunächst unterhaltsam und vielversprechend beginnt, wird zunehmend zu einer theoretischen, journalistisch zwar gut recherchierten, aber zu weilen etwas langatmigen, abstrakten Analyse von Genderrollen und sozialen Strukturen der Sexualität.

 

»Die Stadt war eine Traumwelt aus schimmernden Bildschirmen, Analogfetischismus, Sexshops und Kernobst.«

In der Reihenfolge der beschriebenen Praktiken ist eine Steigerung bezüglich der Hemmschwelle und Außergewöhnlichkeit der Experimente wahrnehmbar. Die Autorin führt den Leser langsam heran an die sexuelle Evolution unserer Zeit mit Online-Dating und lenkt die Aufmerksamkeit dann über BDSM-Porno-Drehs hin zu drogengesteuerten Sexorgien beim Burning Man.

Es fällt nicht immer leicht, offen gegenüber Witts Erzählungen und Erlebnissen zu bleiben, die vielleicht den persönlichen Werten und Normen widerstreben – kein Urteil zu Fällen über verstrickte polygame Dreiecksbeziehungen und schamlose Drogenräusche auf Sex-Partys. Doch das Buch ist ein Experiment, ein Versuch der sexuellen Selbstfindung, darauf sollte man also gefasst sein.

»Ich verstand, dass Sexualität nur wenig mit tatsächlich ausgelebtem Sex zu tun hat. […] Futuristischer Sex war keine neue Art von historisch noch nie dagewesenem Sex, sondern einfach eine neue Art, darüber zu reden.« Witt wagt sich am Ende ihrer Kapitel oft an eigenen Vorhersagen, was die Zukunft dieser Branche oder die Branche der Zukunft bringen mag. Sie reflektiert bedacht und zieht ihre Schlüsse für sich selbst – ob das dann auch auf den Rest der Welt zutreffend ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Ein Buch für alle, die mal über den Tellerrand hinausblicken wollen, sei es um unterhalten zu werden oder um selbst mitzuphilosophieren über die Sozialsysteme Sex, Gender und Beziehung.

 

Emily Witt
Future Sex. Wie wir heute lieben. Ein Selbstversuch.
Aus dem Englischen von Hannes Meyer
Suhrkamp Nova 2017
233 Seiten
14,95 Euro