»Sternstunden der Menschheit«

von Janine Vogelsang (20. Oktober 2017)

 

 

»So furchtbar rächt sich die große Sekunde,
sie, die selten in das Leben der Irdischen niedersteigt,
an dem zu Unrecht Gerufenen, der sie nicht zu nützen weiß. […]
Verächtlich stößt er den Zaghaften zurück;
Einzig den Kühnen hebt er, ein anderer Gott der Erde, 
mit feurigen Armen in den Himmel der Erde empor.«
Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit

Vor einem guten Jahr erschien – endlich, möchte man hinzufügen – die Neuausgabe von Stefan Zweigs »Sternstunden der Menschheit« mit den Illustrationen von Jörg Hülsmann. Ohne es vorweg nehmen zu wollen, aber hier ist dem S. Fischer Verlag ein großartiger Wurf gelungen.

Aber eine solche Aussage sollte natürlich auch belegt werden. Betrachtet man dazu die »14 historischen Miniaturen« zweigeteilt in Form und Inhalt, sollte diese Urteil schnell deutlich werden. Der Urtext bestand im Jahre 1927 ursprünglich aus nur fünf kurzen, historischen Geschichten, die posthum 1943 um sieben erweitert worden sind, dazu zuzüglich 2 weitere, die 1940 in englischer Sprache erschienen. Von Cicero, über Waterloo bis hin zur Eroberung des Südpols und Lenis Rückkehr nach Russland, spannt der Autor ein Panorama auf, dass jene besonderen historischen Daten vereint, die man allgemein kennen sollte. Es ist also weniger die Originalität in der Auswahl, die dieses Buch so auszeichnet, sondern der Zugang als solcher. Die »Sternstunden der Menschheit«, das sind bei Stefan Zweig nicht jene, die die großen Ideen von Humanität oder Freiheit vorgebracht haben, sondern es sind die blutigen, kriegerischen Episoden, in denen sich Geschichte entscheidet. 

Aber wird hier nicht ein Widerspruch sichtbar? Sollten die »Sternstunden der Menschheit« nicht die friedlichen und großartigen Momente in der Entwicklung des menschlichen Geistes sein und nicht jene, in denen die Menschen zu hunderten, zu tausenden in den Tod gehen? Oder alleine in der Hölle des Polarkreises sterben? Diese Kritik wäre nachvollziehbar, verkennt aber den Sinn der Erzählungen. Stefan Zweig verstand es in diesem Buch meisterhaft, den roten Faden der Geschichte aufzuspüren. Die geheimen Kräfte, die die Historie antreiben und heute mit dem meist negativ besetzten Begriff des Schicksals verbunden werden. Der Tod, der in allen Erzählungen ständig präsent ist, ist dabei nur das Negativ, die dunkle Folie vor der das Licht des menschlichen Schaffens- und Eroberungsdrangs noch heller leuchtet. Die erzählerische Kraft, die dabei in den wenigen Seiten steckt, in denen die Geschichten erzählt werden, ist so groß, dass man unwiderruflich gefangen ist, von dem Schicksal eines Robert Scott, der in einer Eishöhle am Südpol stirbt oder dem Schicksal der Einwohner Konstantinopels, die furchtbares während der Belagerung und nach der Eroberung der Osmanen erdulden müssen. Man sieht förmlich vor seinem inneren Auge, dass ein neues Zeitalter anbricht, wenn Zweig beschreibt, wie Lenin in der Schweiz in den berühmten plombierten Zug steigt, um nach Russland zu gelangen.

Eins ist allen Erzählungen gemein: hier werden keine Helden porträtiert, keine Hymnen gesungen. Alle Personen, die in den Geschichten vorkommen, sind gebrochene Gestalten, meist nahe dem Tod (wie z.B. Tolstoi) oder völlig durchschnittliche Gestalten, die für eine Sekunde die Chance haben, die Geschichte selbst zu schreiben – und unter dieser Last meist zusammenbrechen. Ihr Leben ist im Grunde dasselbe wie das der Tausenden und Abertausenden, die kein Platz in den Geschichtsbüchern bekamen, aber das Schicksal stellte sie auf ihre verlorenen Posten, auf ihren Platz, nicht indem sie versagten, sondern indem sie das taten, was von ihnen verlangt wurde (z.B. Napoleons General Grouchy). Die Kräfte, die durch die Geschichte wirksam werden, sind aber auch die, die zu neuen Taten im Angesicht des Grabes verleiten. Der alte Goethe, der in Marienbad ein junges Mädchen kennenlernt und mit dieser Begegnung die letzte schöpferische Phase seines Lebens einläutet. Der kranke Händel, der zusammenbricht, von Gläubigern gejagt, und in diesem Zusammenbruch die Kraft findet, neu zu beginnen. 

Aber sind es dann doch Trostgeschichten, die dem Leser zeigen sollen, dass auch der Unbedeutende seine Chance in der Geschichte erhält, wenn er nur aufmerksam ist? Der ebenfalls die Hoffnung nicht aufgeben soll, wenn die Zukunft schon verschlossen scheint? Nichts liegt den Erzählungen ferner. Es wird vielmehr gezeigt, dass die Geschichte gesichtslos ist. Dass sie nicht den Guten und Bösen separiert, sondern über beide hinweggeht und sich doch immer wieder diese kleinen Funken zeigen, in denen die Menschheit ihr eigentümliches Leuchten aufscheinen lässt und über sich hinauswächst. Ja, diese Momente sind oft mit Grausamkeit, Verschlagenheit und Tod erkauft, aber dies ist der Lauf der Dinge, es zu bedauern würde nur bedeuten, das Schöne, was trotzdem in den Dingen ist, nicht sehen zu wollen.

Stefan Zweig achtete in seinen Schilderungen stets auf historische Korrektheit, wenngleich einiges dem Narrativ unterworfen wird und manche Erzählung daher durchaus einen Zug ins Phantastische bekommen kann. Nein, Stefan Zweig schreibt nicht wie ein Historiker, aber vielleicht ist auch deshalb seine Form der Historienschreibung die interessantere.

Was für die Erzählungen selber gilt, gilt auch für die hervorragenden Illustrationen von Jörg Hülsmann, die dieses Buch schließlich endgültig mit einer Kaufempfehlung ausstatten. Die ganzseitigen, fast schon minimalistischen Zeichnungen, nehmen immer wieder das Motiv des Sternenhimmels auf, das auch das Buchcover prägt. Damit schafft der Illustrator es auf bemerkenswerte Weise immer wieder eine Verbindung mit dem Text herzustellen und zu zeigen, dass die Sternstunden nicht nur in den Personen sind, sondern auch in den Dingen und Umgebungen, die diese erst ermöglichen. Was wäre Lenin ohne den Zug? Was wäre die französische Nationalhymne nicht ohne die »Kinder des Vaterlands«, die in ihr besungen werden? Es ist fast zu bedauern, dass es nur die wenigen Illustrationen im Buch selbst gibt, wenngleich damit immer deutlich wird, dass auch in der Neuausgabe der Text im Vordergrund steht. Dies ist vielleicht auch die größte Leistung des Zeichners: niemals drängen sich die Illustrationen auf, gemächlich, fast geschmeidig kommen sie daher und fangen den Leser ein, damit dieser, am Ende der Erzählungen, nochmal einen verträumten Blick auf sie wirft und sich seiner eigenen Sternstunden bewusst wird.

Diese Neuausgabe ist ein rundum gelungenes Werk, das von der Meisterschaft des Autors und dem Können des Illustrators lebt. Auch wenn das Buch nicht ganz günstig ist, so lohnt sich doch jeder einzelne Euro des Kaufes. Vor allem in Hinblick auf die kommende Weihnachtszeit, nicht nur im Sinne eines Geschenks, sondern auf die Besinnlichkeit des Advents, ein absoluter Pflichtkauf. 

Stefan Zweig
Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen.
Mit Illustrationen von Jörg Hülsmann.
S.Fischer Verlag 2016
272 Seiten
30,00 Euro