Ein »Leben zwischen den Geschlechtern«

von Sophia Klopf (07. Dezember 2017)

 

 

 

Dass Bücher nicht nur dazu da sind, um zu unterhalten, sondern auch, um neue Perspektiven zu vermitteln, zeigt iO Tillett Wrights Buchdebut Darling Days. Die Autobiografie begleitet Wrights Leben von seiner frühen Kindheit bis zur Adoleszenz und zeigt buchstäblich ein »Leben zwischen den Geschlechtern«.

Wright, geboren als Mädchen, beschließt im zarten Alter von sechs Jahren, als Junge zu leben. Dank seiner toleranten Eltern, die getrennt leben, bereitet ihm das zuhause keine Schwierigkeiten, dennoch verbringt er seine Zeit in der Schule in Angst, dass er auffliegen könnte und so der Ausgrenzung und des Mobbings der anderen Kinder ausgesetzt ist. Als er schließlich in die Pubertät kommt, fühlt er sich eher als Frau und lebt so weiter. Dass er lesbisch ist, macht ihm zum Glück eher weniger Probleme, dennoch spürt man die Verwirrung, die ihn als junge Frau stetig begleitet und der Auslöser ist, dass er in Schwierigkeiten gerät, sich teilweise sogar absichtlich hineinmanövriert.

Darling Days sollte zwar primär ein Buch darüber sein, wie kompliziert es ist, sich über seine sexuelle Identität klar zu werden. Dennoch zeigt es aber fast mehr, was passiert, wenn die Eltern nicht für einen da sein können, man erfährt die Perspektive des Kindes, welche Mechanismen es entwickelt, und welchen Ängsten es ausgesetzt ist.

Der Autor iO Tillett Wright, der mittlerweile bevorzugt, mit männlichen Pronomen angeredet zu werden, ist nicht zuletzt aufgrund seiner Lebensgeschichte Aktivist für die LGBTQ-Bewegung. Zu einer gewissen Bekanntheit gelangte er mit seiner Fotostrecke »Self Evident Truths Project«, die mittlerweile fast 9 500 Fotos von Amerikaner umfasst, die sich nicht dem klassischen heterosexuellen Spektrum unterordnen wollen, darunter auch Personen des öffentlichen Lebens.

Was am Anfang des Romans auffällt, als Wright die Umstände seiner Geburt beschreibt, ist die Schönheit des wilden und rauen Manhattan der 80er Jahre. Kaum einer der jüngeren Generation wird wohl erahnen, dass die Bowery, das Stadtviertel in New York City, in dem iO aufwächst, zu dieser Zeit ein umstrittenes Viertel war, voller Kriminalität und Menschen, die durch das Netz der Gesellschaft fallen. So auch iOs Mutter, die sich kurz nach seiner Geburt von seinem Vater trennte. Mit viel Liebe und einem tiefen Verständnis beschreibt er seine Umgebung, in die er hineingeboren wurde, ohne zu verurteilen und ohne den mahnenden Zeigefinger zu heben. Diese Eigenart in Wrights Erzählen ist das Erste, was beim Lesen auffällt und sich schließlich durch das ganze Buch zieht.

So wild, verloren und eigenartig schön wie die Bowery ist Wrights Lebensweg: rau und beschwerlich, aber der lebensbejahende Funkt geht nie verloren. Die seltenen, glücklichen Momente scheinen umso heller auf dem Weg, wo sich die Probleme sonst nur aneinanderreihen.

Fest steht, dass er uns vor nichts verschont, und das ist auch gut. Seine Sprache ist ehrlich, auch wenn manchmal etwas ungeschliffen. »Ein schmerzliches Erlebnis fühlt sich so an, als würdest du (…) Orangensaft trinken. Ein bisschen stechend auf der Zunge, geschmacksintensiv, und voll Fruchtfleisch, das nachher zwischen den Zähnen hängt.« Diese Momente gibt es ab und zu, Metaphern und Vergleiche, die eigentlich treffend sind, aber dennoch zu ungelenk, um sie als genial zu bezeichnen. Vielleicht trägt aber genau das dazu bei, dass Wrights Roman so unglaublich authentisch ist. Es gibt keinen Grund zu zweifeln, wenn er seine Geschichte erzählt.

Fest steht, dass man Wright nur zu gern durch sein Leben begleitet, ob es nun schmerzhaft ist, ihm zuzuhören, oder ob man grad einen erfreulichen Punkt in seiner Biografie erwischt. Nach diesem Debut, das man nur schwer wieder aus der Hand legen kann, hoffen wir, dass es nicht allzu lange Zeit um Wright still bleiben wird.