Ein amerikanischer Albtraum 

von Katharina Stahl (12. Dezember 2017)

 

 

Noch heute verweigern sich die Vereinigten Staaten einer offenen Debatte über ein besonders dunkles Kapitel ihres Nationalmythos. Die beinahe vollständige Ausrottung der First Peoples wird zwar als Schandfleck innerhalb der US-historischen Geschichte anerkannt. Native Americans sind aber weiterhin Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt, ihr ehemaliges Einflussgebiet ist auf Reservate begrenzt und Präsident Trump scheut sich nicht, Navajo-Veteranen unter dem Porträt des als »Indian Killer« berüchtigten Andrew Jackson zu empfangen. Welch sensible Erinnerungsarbeit eigentlich bitter nötig wäre, macht der renommierte Historiker und Zeit-Redakteur Aram Mattioli in seiner neuen Monographie deutlich. In dem 2017 erschienenen Band Verlorene Welten zeichnet er die Geschichte der First Peoples seit dem 17. Jahrhundert nach – dominiert von Kriegen, Hungersnöten und Ausbeutung, aber auch von Selbstbehauptung und Widerstand.

No land for the free

Zu Beginn seiner profunden Rundumschau gewährt Mattioli einen Einblick in eine geheimnisvolle, da historisch kaum erschlossene Welt: Das Nordamerika der präkolumbianischen Zeit, seines Zeichens keineswegs ein statischer Kulturraum, sondern Lebenswelt verschiedener Nationen, die sich im Kampf um Land und Ressourcen einerseits blutige Auseinandersetzungen lieferten, aber auch regen Handel betrieben und dabei prosperierende Kulturen erschufen. Von den Crow im Norden zu den Comanche im Süden erlebten die uralten Kulturen jedoch rasch nach ihrer »Entdeckung« durch die Europäer tiefgreifende Veränderungen. In Nordamerika bislang unbekannte Krankheitserreger wie Pocken, Masern und Typhus rafften schon in der ersten Phase dieser Begegnung Millionen Menschen dahin. Das Leiden der First Peoples stieß bei den Neuankömmlingen allerdings auf wenig Mitleid: Diese wollten in der Neuen Welt zwar ideale christliche Staaten gründen, die unzivilisierten Wilden, welche sich gegen die Besetzung ihres Landes auflehnten, galten jedoch als bloßes Hindernis auf ihrem Weg zum Seelenheil. Widerstand wurde mit drakonischen Gegenmaßnahmen bestraft. So schreckten die Briten nicht davor zurück, die Reihen der rebellischen Ohio-Nationen durch den gezielten Einsatz von Pockenerregern zu lichten. Auch private Feldzüge gegen die Natives, darunter die Mordserie der berüchtigten Paxton Boys, blieben ungeahndet.

Mattioli macht dabei deutlich, dass die opferreichste Zeit erst nach der Revolution begann: Die nun unerbittlich westwärts drängenden USA traten in einen offenen Krieg mit den First Peoples, in dem nicht zuletzt die verehrten Gründungsväter der jungen Nation ihre humanistischen Grundsätze über Bord warfen. So regte Thomas Jefferson brutale Vergeltungsaktionen gegen die Cherokee an, während George Washington alles daran setzte, das Land der nordamerikanischen Stämme den USA einzuverleiben – Massenmord, Vergewaltigungen und blinde Zerstörungswut durch US-Milizen galten dabei als Mittel zum Zweck. Und so ist es nicht zuletzt die Doppelzüngigkeit des US-amerikanischen Idealismus, das »Janusgesicht der Republik«, welches im Zentrum der Beobachtungen Mattiolis steht. Der Historiker stellt zudem heraus, dass die Ausbeutung der Natives auch nach dem Ende der »Eroberung des Westens« die Innenpolitik der USA bestimmte. Die gezielte Verschuldung ganzer Nationen ebnete den Weg zu großangelegtem Landraub, die unter christlichem Gewand daherkommende »Indianererziehung« erlaubte es der Regierung, den First Peoples ihre Kinder und damit die Zukunft ihrer Kultur zu rauben.

Aram Mattioli schärft in seinem neuen Buch das Bewusstsein für eine Geschichte, die zwar gemeinhin bekannt, in ihrer Tragödie aber noch längst nicht im kollektiven Bewusstsein verankert ist. Umso bedauerlicher, dass der Autor es nicht wagt, die Lese- und Deutungsgewohnheiten seiner Rezipienten allzu sehr zu erschüttern. Sich den Herausforderungen eines reflektierten Sprachgebrauchs durchaus bewusst, verwendet er dennoch den belasteten Begriff »Indianer«.

 

Aram Mattioli
Verlorene Welten – Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910
Klett-Cotta 2017
464 Seiten
26 Euro