Der Doktor zweier Herren

von Florian Grobbel (3. März 2018)

 

 

Der eine ein Gottesmörder, der andere ein Deutscher. Doch Charles Darwin und Karl Marx haben mehr gemeinsam als die kritische Betrachtung seitens ihrer Zeitgenossen. Beide leben zur gleichen Zeit in London, befinden sich am Ende ihres Lebens und zumindest in Ilona Jergers erstem Roman Und Marx stand still in Darwins Garten teilen sie auch ihren Hausarzt.

Die Schauplätze dieser Geschichte des späten 19. Jahrhunderts sind hauptsächlich die Wohnsitze der beiden Gelehrten, zwischen denen die Erzählperspektive immer wieder hin und her springt. Doch auch aus der Sicht der Haushälterin oder Darwins Hund wird berichtet, was den Roman sehr abwechslungsreich macht, gerade im Kontrast zu den Kapiteln, in welchen die beiden Protagonisten mit ihrem Arzt Dr. Beckett eine ausführliche Diskussion über ihr Werk führen. Durch diesen erfahren Darwin und »Mohr«, wie Marx auch genannt wird, einiges über das Leben des anderen und können es natürlich nicht lassen, dessen Schaffen zu kommentieren. Die Handlung gipfelt in einem Aufeinandertreffen der Denker bei einem gemeinsamen Dinner im Hause der Darwins, bei dem es am Tisch schnell um ein leidiges Thema geht, das Beide nicht mehr hören können: Ihre Einstellung zum Glauben.

Man spürt beim Lesen dieser fiktiven Biographie das Wissen über Politik und Naturkunde der freien Journalistin Jerger, denn immer wieder gibt es Passagen, welche den Inhalt von Darwins und Marx’ Werk in den Fokus rücken und den Leser über ihr Schaffen belehren. Ein weiterer Schwerpunkt, der zugegeben gelegentlich sehr anstrengt, ist die fortschreitende Krankheit der beiden Wissenschaftler. Doktor Beckett stattet ihnen ein ums andere Mal Besuche ab und sehr ausführlich werden ihre Symptome geschildert.

Ebenso bedauerlich ist es, dass der Fokus sehr auf Charles Darwin gelegt wird und Karl Marx fast zu einer Nebenfigur verkommt, der nur ein paar Kapitel gewidmet werden. Der einzig positive Aspekt daran ist, dass man nicht mehr als nötig mit Marx dubiosem Englisch konfrontiert ist, welches dadurch verdeutlicht werden soll, dass scheinbar wahllose Begriffe in Marx wörtlicher Rede kursiv und englisch geschrieben stehen. Das bringt einen leicht aus dem reading flow.

Was dagegen überraschend gut funktioniert ist das Thema des Atheismus, welches diese so unterschiedlichen Figuren verbindet. Beide lehnen in ihrem jeweiligen Werk einen Schöpfer ab und haben so erheblich mit der Reaktion der streng gläubigen Gesellschaft zu kämpfen. Dabei geht es ihnen doch nur um eins: die Welt besser zu machen.

Ein kurzweiliges Buch, das ich sowohl Wissenschaftsfreunden als auch religiösen Zeitgenossen ans Herz lege, für die sich Unterhaltung und Wissenserwerb nicht ausschließen.

 

Ilona Jerger
Und Marx stand still in Darwins Garten
Ullstein 2017
288 Seiten
20,00 Euro