Der Traum vom perfekten Menschen

von Jana Röckelein (10. März 2018)

 

 

In einer Zukunft in der alles und jeder perfekt ist, tauchen auf einmal Knochen von Neandertalern auf. Das Kuriose: Die Knochen sind nur einige Jahre alt. Wie weit geht die Menschheit, um ihren Traum vom perfekten Menschen zu verwirklichen?

Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft, 2053. Deutschland ist einer der Vorreiter in der Gentechnologie und optimiert die genetischen Veranlagungen. Risikogene für Volkskrankheiten wie Diabetes oder auch Krebs werden bereits vor der Geburt eliminiert. Dazu bieten die Krankenkassen noch einen besonderen Bonus an: Haar-, Augenfarbe oder andere Körpermerkmale können bereits vor Geburt bestimmt und nach Wunsch abgeändert werden. Verantwortlich für das Ein- und Aussortieren von bestimmten Genen ist das »Ministerium für Glück und Gesundheit«, die bereits Genreparaturen im Mutterleib unterstützen. Noch dazu sind Alkohol und Rauchen geächtet. Wer sich nicht daran hält, muss ohne die Unterstützung einer Krankenkasse auskommen.

Doch der Perfektionismus hat einen hohen Preis. Die sogenannte Große Depression lässt die Menschen nach und nach dahinraffen. Woher diese Form der Depression kommt, ist unbekannt; wie man sie besiegt ebenso.

In dieser perfekten Gesellschaft ist der gehörlose Anthropologe Max Stiller ein Aussätziger. Zwar ist er auf seinem Gebiet als Neandertaler-Experte eine Koryphäe, doch aufgrund seiner Beeinträchtigung wird er von der makellosen Gesellschaft nicht akzeptiert und ernst genommen. Zusammen mit seiner Kollegin und Freundin Sarah Weiss wird er zur Fundstätte von mehreren Knochen im Neandertal bei Düsseldorf gerufen, wo erneut Knochen von Neandertalern aufgetaucht sind. Soweit nichts Ungewöhnliches. Doch die Knochen sind nur 37 Jahre alt. Hat jemand Neandertaler geklont und diese am Ende wieder beseitigt? Das Klonen von Dolly des Schafs fand bereits 1996 statt. Jens Lubbadehs Roman spielt im Jahr 2053. Es ist also durchaus realistisch, dass die Gentechnik weit genug entwickelt ist, um Urzeitmenschen zu klonen.

Max Stiller und Sarah Weiss decken ein ungeheures Netz aus Intrigen und Regierungsgeheimnissen auf und ein geheimes Projekt namens Neanderthal. Im Mittelpunkt dieses Neanderthal-Projekts steht Jocasta Weiss, Sarahs bereits verstorbene Mutter. Bald schon bekommt Sarah Weiss Zweifel über ihre eigene Identität…

Man kann fast nicht in Worte fassen, was dieses Buch mit einen macht. Es schockiert und regt gleichzeitig zum Nachdenken an. Was ist ethisch vertretbar? Darf der Mensch in die Evolution eingreifen? Jens Lubbadeh entwirft ein erschreckendes Bild unserer Zukunft, in der ethische Grenzen ohne Reue übertreten werden. Die Gesellschaft der Zukunft ist vor allem eines: skrupellos. 

Spannend bis zur letzten Seite wird die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Lubbadeh vermischt nicht nur Personen, sondern auch Zeitstufen. Er erzählt die Geschichte von Urudim, einem jungen Neandertaler, der im vereisten Europa auf Homo Sapiens trifft; er erzählt die Geschichte von Adam, einen geklonten Neandertaler aus dem Jahre 2016, von Sarah Weiss und deren Tochter Valerie. Auch wenn nicht alle Nebenstränge inhaltlich relevant sind, tragen sie trotzdem zum besseren Verständnis bei. Das Buch startet als Krimi, entwickelt sich aber bald zu einer wissenschaftlichen Dystopie. Lubbadehs Roman strotzt nur so vor Gesellschaftskritik. Alles und jeder muss schöner und besser sein, ja, perfekt. Ein Schönheitsideal á la Heidi Klum.

Der Roman wirft viele Fragen auf, die einem nach dem Lesen nicht mehr loslassen. Was unterscheidet Homo Sapiens und Neandertaler? Gibt es so etwas wie ein Jesus-Gen? Und waren die Neandertaler am Ende vielleicht sogar die besseren Menschen?

Forscher haben bestätigt, dass in jedem Europäer ein bis zwei Prozent der Gene des Neandertaler stecken. Am Ende sind wir alle ein bisschen Neandertaler. 

 

Jens Lubbadeh
Neanderthal
Heyne 2017
528 Seiten
14,99 Euro