Anything Goes

von Tessa Friedrich (11. März 2018)

 

 

The Roaring Twenties. Das Leben in Nordamerika war kurz nach dem Ersten Weltkrieg ausgelassen und frei, die Menschen ständig auf der Suche nach dem Rausch. Einer der bedeutendsten Schriftsteller dieser Zeit war F. Scott Fitzgerald, bekannt vor allem durch seinen Roman The Great Gatsby, ein Meilenstein der amerikanischen Literaturgeschichte. In Würdigung seiner weiteren literarischen Arbeiten brachte der Diogenes Verlag nun einen Band mit Erzählungen und Kurzgeschichten Fitzgeralds heraus: Liebe in der Nacht und andere Lovestorys. Was zunächst nur nach einer großen Portion Kitsch klingt, hält aber doch noch viel mehr bereit.

Hat man bereits Romane von Fitzgerald gelesen, überrascht und fasziniert das Liebe in der Nacht-Bändchen, in dem sich die schriftstellerische Bandbreite des amerikanischen Autors zeigt: Neben der titelgebenden Erzählung finden sich noch sechs weitere Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wären sie nicht durch das große Thema »Liebe« miteinander verbunden. Doch ist diese wahrscheinlich am häufigsten in der Literatur thematisierte Emotion nicht immer der Protagonist.

Schon der erste Text, »Eher geht ein Kamel…«, entfernt sich vom Klischee einer Liebesromanze mit rosaroter Brille: Erzählt wird von einem jungen Mann, der mit einem Freund aus Liebeskummer nachmittags zum Champagner greift, um anschließend nachts im Kamelkostüm auf einer Party zu landen und durch die verrücktesten Zufälle doch wieder zu seiner Angebeteten zurückzufinden. Mit einem gebrochenen Herzen als Auslöser wird hier auf ein paar Seiten eine zeitlose und urkomische Geschichte voller Verwechslungsspielchen und Witz erzählt, die einen daran erinnert, das Leben nicht immer zu ernst zu nehmen und durchaus die ein oder andere durchzechte Nacht und ihre Anekdoten wiederaufleben lässt, die einst zu später Stunde entstanden sind.

Hinzu kommen Erzählungen, die sich wie amerikanische Märchen lesen lassen, Geschichten von Verlust, Hoffnung und Sehnsucht zwischen den Themen des jungen neuen Jahrhunderts wie dem aufstrebenden Filmbusiness, Partys und der Suche nach dem eigenen Ich. Den Erzählstil wechselt Fitzgerald beinahe in jeder Geschichte, die unterschiedlich verwendete, immer auf die Art der Geschichte abgestimmte Sprache wird durch die vier (!) verschiedenen Übersetzer hervorgehoben, welche an dieser Ausgabe mitgearbeitet haben. Diese literarische Vielfalt wird komplementiert durch Fitzgeralds nuancierte Beobachtungsgabe der Beziehung und des Begehrens zwischen Mann und Frau, welche in malerischen Sätzen wie »Streichhölzer wurden ein wenig zittrig an langsam Feuer fangende Zigaretten gehalten« gleichzeitig eine atmosphärische Stimmung erzeugt.

Dass Fitzgerald ein Meister darin ist, das Lebensgefühl der 20er-Jahre mit ein paar geschriebenen Zeilen hervorzurufen, ist mit Liebe in der Nacht erneut bewiesen. Und sollten seine Worte noch nicht genug sein, ist das Buch selbst im blauen Leineneinband mit Golddruck eine wahre Augenweide. Somit hat Diogenes einen Band herausgebracht, den jeder bibliophile und an großer Literatur interessierte Leser auf jeden Fall im Buchregal haben sollte.

 

F. Scott Fitzgerald
Liebe in der Nacht und andere Lovestorys
Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell, pociao, Christa Schuenke und Melanie Waltz
Diogenes 2015
245 Seiten
22,00 Euro