Wer ist nochmal Akuzenji?

von Florian Grobbel (13. April 2018)

 

 

Helden, Intrigen, zahlreiche brutale Tode und irgendwas mit Magie. Das funktioniert nicht nur in der Welt von George R.R. Martin. Lian Hearn, große Liebhaberin der japanischen Kultur, entführt uns mit dem ersten Band der Legende von Shikanoko in ein altertümliches Japan, welches kurz vor einem erbitterten Krieg zwischen den zwei führenden Clans steht, bei dem es um nichts anderes als den Kaiserthron geht. Und mitten im Geschehen steht Shikanoko – das Kind des Hirsches, der eigentlich nur auf Rache sinnt.

Hearn beginnt ihren Roman mit einer Situation, wie sie klassischer nicht sein könnte. Der junge Kazumaru, welcher später der titelgebende Shikanoko werden soll, ist der rechtmäßige Thronfolger seines Heimatortes Kumayama. Nichtsahnend gerät er in eine tödliche Falle, gestellt von seinem machtgierigen Onkel Sademasa (Nein, das ist nicht japanisch für »Claudius«). Jedoch wird Shikanoko in letzter Sekunde vor dem tödlichen Pfeil bewahrt, da ein Hirsch schützend vor ihn springt und sich somit opfert. Daraufhin flieht Shika in den »schwarzen Wald«, wo er bald erschöpft bei einem Zauberer unterkommt, welcher ihm verkündet, dass er nun »das Kind des Hirsches« sei und übermenschliche Kräfte erlangt hat. Die Magie bündelt der Zauberer in eine Maske, welche nur Shikanoko tragen kann. Für diesen beginnt nach seiner Genesung eine abenteuerliche Reise. Nachdem sich das Kind des Hirsches zunächst dem Räuberhäuptling Akuzenji anschließt, gelangt er bald an den Hof des Fürsten Kiyoyori, um daraufhin als Geisel genommen zu werden, von keinem geringeren als dem diabolischen Fürstabt, der es auf den Kaiserthron abgesehen hat und natürlich allzu sehr an Shikanokos magischer Maske interessiert ist.

 

Ein Held nach alter Schule

Es macht sich schon bemerkbar, dass es sich bei dem über 500-seitigen ersten Teil der Legende von Shikanoko um einen ziemlich komplexen Roman handelt. Sowohl die Handlungsorte als auch die Figuren wechseln ständig. So begleitet der Leser nicht nur den titelgebenden Helden, sondern beispielsweise auch Fürst Kiyoyori, dessen größte Sorge ein bald ausbrechender Krieg zwischen den Clans der Kakizuki und der Miboshi ist, oder die Herbstprinzessin Aki, der im späteren Verlauf der zukünftige Kaiser Japans, ein etwa neunjähriger Junge, anvertraut wird. Durch dieses Hin- und Herspringen zwischen den Szenerien wird eine sehr schnelllebige Handlung erzeugt, die bald über die anfänglichen Rachegedanken Shikanokos an seinem Onkel herausgeht und sich auf das ganze Kaiserreich ausweitet.

Natürlich setzt dies auch eine große Anzahl von Figuren voraus. Die über achtzig handelnden Figuren sind dankenswerterweise am Beginn des Buches mit einer kurzen Beschreibung aufgelistet. Denn irgendwann stellt man sich die Frage: Wer ist denn jetzt nochmal Akuzenji?! Und wie hieß dieses Kloster noch gleich? Die Unvertrautheit der japanischen Namen trägt da natürlich bei. Bis die Handlung sich richtig aufgebaut und jede Hauptfigur ihren roten Faden gefunden hat, muss man dem Roman schonmal gut 100 Seiten Zeit geben. Dann stellt sich auch das ewige Zurückblättern ein und man kann der jetzt der spannenden Handlung gut folgen. Die Perspektivenwechsel verleihen dem Ganzen nun etwas von großem Kino. Vorher ist man einigermaßen skeptisch über den unruhigen Fortlauf der Geschichte, da man noch nicht genau weiß wer wer ist und was die eigentlich alle wollen.

Dass auf Die Legende von Shikanoko die Bezeichnung Epos perfekt zutrifft, zeigt sich an der Hauptfigur. In der heutigen Zeit, in der Romanautoren versuchen ihre Helden möglichst menschlich und gefühlvoll zu konstruieren und sie später einem dramatischen Gewissenskonflikt mit sich selbst ausliefern, ist Shikanoko ein Held nach alter Schule, was sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er völlig gefühllos wirkt. Während seiner Reise werden die Menschen um ihn herum zahlreich ermordet, verstümmelt und vergewaltigt und Shika scheint dies einfach vollkommen kalt zu lassen. Ebenso wird auch das Wundern über Magie, lebende herausgestochene Augen und den Umstand, dass er von einem Tag auf den anderen »das Kind des Hirsches« ist, weggelassen. Diese Charakteristik ist mittlerweile so ungewöhnlich, dass Shikanoko durch seine heroische Gefühllosigkeit an der ein oder anderen Stelle unfreiwillig komisch wirkt.

Der erste Band endet mit einer Art Cliffhanger, welcher mich persönlich nicht vollends gepackt hat und ich den zweiten Band somit nicht oben auf meine Wunschliste schreiben muss. Vielleicht ist es tatsächlich die geringe Bindung zu den doch eher eindimensionalen Figuren, die mich nicht ganz überzeugt hat. Doch durch die Liebe zur japanischen Kultur und Art der Sprache, hat sich das Lesen des Buches in dieser Hinsicht trotzdem gelohnt und jedem, der diese Liebe teilt und zudem noch auf klassische Heldenepen steht, sei Die Legende von Shikanoko ans Herz gelegt.

 

Lian Hearn
Die Legende von Shikanoko – Herrscher der acht Inseln
Fischer Sauerländer 2017
592 Seiten
19,99 Euro