Kampf um den Stummfilm

von Hannah Deininger (4. Juli 2018)

 

 

In das Berlin der 1930er Jahre reist der Leser zusammen mit dem Kommissar Gereon Rath. Eine Schauspielerin stirbt durch einen tragischen Unfall bei den Dreharbeiten zu einem neuen Tonfilm. Gereon Rath wird gerufen, da man an der Zufälligkeit des Unfalls zweifelt.

Schon bald zeichnet sich ab, dass es bei Weitem kein Zufall war, der der jungen Schauspielerin das Leben kostete. Nachdem sich die Morde an jungen Schauspielerinnen häufen, nimmt der Krimi von Volker Kutscher Fahrt auf. Neben der fesselnden Kriminalhandlung ist es interessant mitzubekommen, wie die Filmwelt sich wandelte, hin vom Stumm- zum Tonfilm. Aus Sicht der Schauspieler, Regisseure, Produzenten und Geldgeber der Filmindustrie wird detailliert beschrieben, wie der Wandel sich langsam vollzieht. Eine Entwicklung, die den meisten unserer Generation im Detail nicht bekannt sein dürfte. Und wie manche versuchen an der alten Kunst festzuhalten, obwohl die Neuheit des Sprechfilms alles zu überrollen droht.

Spannend bis zur letzten Seite

Eindrucksvoll gelingt es Volker Kutscher mit dem zweiten Fall Gereon Raths Der stumme Tod an den ersten anzuknüpfen. Erneut steht der sympathische, durch seine charakterlichen Fehler sehr menschlich wirkende Kommissar Gereon Rath im Mittelpunkt des Geschehens. Darüber hinaus spielt der Autor mit dem Leser: Die Handlung um den Kommissar, beschrieben im Präteritum, wird immer wieder von einer Ich-Erzählung im Präsens unterbrochen. Diese wirkt diffus und chaotisch – und strahlt dadurch einen ungemeinen Reiz aus. Erst spät wird klar, wer hier eigentlich aus seinem Innersten berichtet.

Vor der Kulisse des Berlins der 1930er Jahre fiebert man mit diesem interessanten Charakter mit und kombiniert als Leser die verschiedenen Hinweise bis hin zur Lösung des Falles. Trotzdem schafft es Volker Kutscher, den Krimi mit einem völlig unerwarteten Ende zu versehen. Als Leser bleibt einem nur diesen Donnerschlag langsam zu verdauen und sich auf den Weg in die nächste Buchhandlung des Vertrauens zu machen – natürlich um dort den dritten Teil um Gereon Rath zu erstehen.

 

Volker Kutscher
Der stumme Tod
Kiepenheuer & Witsch 2010
544 Seiten
9,99 Euro