Vom geheimen Leben in unseren Kleiderschränken

von Franziska Schleicher (23. Juli 2018)

 

 

Jetzt hat der Guido auch noch einen Roman geschrieben. Ziemlich genau das ging mir durch den Kopf, als ich das erste Mal Das rote Kleid vor mir sah. Neugierig wie ich bin, wusste ich aber, dass ich mir dieses Buch doch einmal genauer anschauen muss.

Kretschmers erster Roman – er hat vorher schon zwei Ratgeber veröffentlicht – handelt von Anascha. Die ist ein rotes Seidenkleid und aus ihrer Perspektive wird auch die Geschichte erzählt. Richtig gelesen: hier sind die Kleidungsstücke die Protagonisten. Der Roman erzählt die Lebensgeschichte Anaschas. Kurz nach ihrer Geburt wird sie in einen Kostümfundus für einen Filmdreh (mit Menschen – so ganz ohne kommt der Roman dann doch nicht aus) gebracht. Dort erklären ihr die vielen Klamotten, auf die sie trifft, die Welt: Dass es das Ziel eines jeden Kleidungsstücks ist, ein Lieblingsteil zu werden und in einem Schrank ein Zuhause zu finden.

Schnell lernt Anascha, dass es auch unter Kleidungsstücken Rivalität und Boshaftigkeit, aber auch Freundschaft und Zusammenhalt gibt. So ist da zum Beispiel ein Dior-Brautkleid, das zusammen mit einer Set-Assistentin den Filmdreh sabotiert, oder einen alten Armeemantel, der versucht die Kostüme an ihre Werte zu erinnern. Als Anascha dann auch noch entführt wird und der Dreh in Gefahr gerät, sind es wiederum die Kleider, die alles zum Guten wenden.

Viel Textil, wenig Inhalt

Kretschmers Idee Kleider als Protagonisten in seinem Roman einzusetzen, ist auf den ersten Blick nicht komplett schlecht und bietet sich bei seinem eigentlichen Beruf ja auch irgendwie an. Allerdings ist ihm die Umsetzung eher weniger gut gelungen. Die Story ist ziemlich flach und vorhersehbar, was mich in dieser Form dann doch etwas überrascht hat. Zwar ist das Schreiben nicht Kretschmers Brotberuf, aber er ist ja trotzdem ein kreativer Kopf. Was dem Roman an Inhalt fehlt, wird mit einer unglaublichen Menge an Figuren versucht aufzufüllen. Gefühlt auf jeder Seite kommt ein neues Kleidungsstück dazu, sodass man sich nach einem Kapitel schon nicht mehr sicher ist, welcher Name wie zu verorten ist. Für die eigentliche Handlung ist nur eine kleine Gruppe von Kleidern, Röcken und Blusen entscheidend, so dass die anderen oft einfach nur stören, zumal sie meist nur kurz auftauchen, keinen Inhalt tragen und nach drei Absätzen auch schon wieder vergessen sind. Auch wird viel zu sehr betont, dass hier gerade ein Kleid spricht und dass es sich um eben diese Welt der Klamotten handelt, in der viel zu viele Klischees bedient werden. Kretschmer versteckt in Das rote Kleid aber auch wunderschöne Zeichnungen und einige durchaus kluge Sätze. Doch die können den Roman leider nicht retten. Für Harcore-Kretschmer-Fans mag das Buch durchaus lesenswert sein. Für mich eher nicht. 

 

Guido Maria Kretschmer
Das rote Kleid
Goldmann 2018
256 Seiten
14,00 Euro