Kampfzone Kaff oder Back to the roots

von Philipp Schlüter (24. Juli 2018)

 

 

Souverän humorvoll und mit dem richtigen Gespür für die mitunter ulkigen Befindlichkeiten im Kleinkosmos Dorf erzählt Jan Böttcher in seinem neuen Roman »Das Kaff« von der Rückkehr aus der Großstadt in die niederdeutsche Provinz. Der aus Lüneburg stammende Autor zeigt in seinem Text, wie sehr das »Kaff« auch noch nach Jahren der Abwesenheit in einem steckt, und das es sich lohnen kann, sich ganz sportlich auf ein Rückspiel mit dem Alltag dort einzulassen.

Kaff-Geschichten haben Hochkonjunktur. Man denke nur an die guten Bücher von Saša Stanišićs »Vor dem Fest«, an Juli Zehs »Unterleuten« oder an Dörte Hansens »Altes Land«. Jan Böttcher macht durch den Titel »Das Kaff« – ähnlich einem negativen Vorzeichen – noch vor allen anderen klar, wie in seinem Roman auf das provinzielle Dasein im Dorf geschaut wird. Klar, bei dieser Haltung kann das Buch nicht verweilen, sonst langweilt es irgendwann. Das weiß sein Autor. Es ist erfrischend, dass Böttchers Hauptfigur nicht bei dieser Einseitigkeit stehenbleibt, andererseits am Ende aber auch nicht als glühender Wiedereingedorfter das manchmal durchaus kaf[f]kaesk erscheinende Alltagsleben verklärt. Subtil zeigt uns diese Geschichte: eigentlich alles doch ganz in Ordnung hier in der heimatlichen Provinz.

Nach dreiundzwanzig Jahren kehrt Michael Schürtz zum ersten Mal nach seinem Weggang aus der norddeutschen Tiefebene für längere Zeit in seine alte Heimat zurück. Vor vielen Jahren verließ er fluchtartig den Ort seines Aufwachsens und heuerte - einem Bereifungsschlag gleich - in der Metropole Berlin an. Als Architekt verschlägt ihn ein Bauleiter-Job für Eigentumswohnungen nach »Shitty Littleton«, wo sein älterer Bruder – Spitzname: Nuss - und seine Schwester Jul nach wie vor wohnen. Micha, der familiäre Part, der nie anruft und nie von sich hören lässt, landet mit seiner Selfmademan-Attitüde an heimatlichen Ufern an und schaut mit genau jener abschätzigen Perspektive der Städter auf den Alltag und das Leben im Kaff: »An meinen Beruf denke ich, der mich immer schön verfügbar bleiben lässt. […] Immer mehr Zeit im Büro verbringen, bis man das Draußen nur noch aus ironischer Distanz betrachten kann.«

Micha kommt gewissermaßen »entkaffiniert« in das Dorf seiner Kindheit zurück. Doch all die Erinnerungen, die in Berlin schweigen, tauchen dort aus der Versenkung wieder auf. Die Rückkehr in das Kaff seiner Jugend beschreibt letztlich einen Aussöhnungsprozess mit eben jenen schmerzhaften Geschehnissen, die es erforderten die Heimat hinter sich zu lassen. Langsam bricht Michas selbst zusammengezimmerter Panzer der Distanziertheit und Süffisanz auseinander: »es macht mich ganz nervös, dass mir die Zeiten so durcheinandergeraten.« Als destabilisierendes Moment setzt Jan Böttcher zu Beginn des Romans den Besuch des Ich-Erzählers Micha Schürtz beim ehemaligen örtlichen Fußballverein ein. Er trifft bekannte Gesichter, alles wie von damals gewohnt, um dann prompt das Angebot zu erhalten, die C-Jugend zu trainieren. Zuerst wehrt sich Micha noch. Leserin und Leser begleiten die Gedanken der Hauptfigur, die spürt, dass die Entwicklungen im »Kaff« die Fäden des eigenen, dortigen Involviert-Seins enger ziehen. Er besucht den ehemaligen Platzwart und Betreuer der Herrenmannschaften, genannt »Der Prinz«, im Krankenhaus, weil dieser alkoholisiert einen Unfall gebaut hat. Micha bandelt mit Carla, einer der neuen Eigentümerinnen der von ihm konzeptionierten Eigentumswohnungen, an, fährt mit ihr nach Italien und zieht schließlich sogar bei ihr ein. Zugleich wird er zum neuen Fußballtrainer ihres Sohnes Tobi. Ein Menge Zündstoff also, die Böttcher geschickt kombiniert und norddeutsch sparsam dosiert.

Spätestens beim Abendessen mit Mitgliedern der hanseatischen Oberschicht Hamburgs merkt Micha – er ist durch Carla an einen Auftrag für Neuplanung und Ausführung einer Küche gekommen –, wo seine Wurzeln liegen, aus welchem Stall er eigentlich kommt: »Nein, Zander hin, Salzwiesenlamm her, so sieht meine Welt nicht aus. Hat sie nie, wird sie nie. Es ist einfach falsch […], dass ich mir bei Tisch die Frechheit herausnehme, mit der diese Abendgesellschaft schon auf die Welt gekommen ist.«

Der Autor Jan Böttcher bringt mit seiner Hauptfigur Micha Schürtz dennoch keinen Charakter der großen Worte in Position. Er selbst ist ein sich im Zwiegespräch mit sich selbst Befindender, der seinen Platz in der im Kaff spielenden Geschichte seiner Familie sucht und neu verhandelt. Micha lernt, Schritt für Schritt zuzulassen, sich einzulassen. Als zusätzliches Moment in diesem Prozess, das der Aufarbeitung bedarf, wirkt ein Fauxpas der Kaffeekränzchen-Mutter und Kuchen-Fee Sigrid gegenüber ihrem eigenen Sohn Micha nach. Aufgrund dieser Enttäuschung machte er sich los von ihr, von seinen Geschwistern und vom Kaff. In der Zeit der Abwesenheit erkrankt seine Mutter und stirbt. Verdrängung und Ablenkung funktionieren nicht mehr, als Micha für längere Dauer in eben jenen erinnerungsvollen Raum zurückkehrt.

Das trägt und überzeugt, weil der Roman mit seiner wunderbar konkret-ehrlichen, unaufgeregten Sprache den Auftakt und den Verlauf von Michas Ein-Mann-Dorf-Derby so einfängt, dass die Seiten des Buchs so schnell verfliegen wie die 90 Minuten auf dem Fußballfeld. Über eine Verlängerung hätte man sich nicht beschwert.

 

Jan Böttcher
Das Kaff
Aufbau Verlag
269 Seiten
20,00 Euro