13 reasons why there's a murderer in the Breakfast Club

von Florian Grobbel (29. August 2018)

 

Lange Flure, die gerade frisch gebohnert wurden. Rechts und Links zahllose Spinde, vor denen Statisten-Schüler herumlungern, während der Star der Baseballmannschaft durch den Gang wandelt, begleitet von der Cheerleaderqueen und kritisch beäugt von pickligen Nerds aus dem Chemielabor. Wer gelegentlich Netflix schaut, weiß wo wir uns befinden: Eine typische amerikanische High School. Doch so typisch ist sie im Fall von One of us is lying dann doch nicht. Ein Mörder drückt dort die Schulbank.

Karen M. McManus schämt sich nicht, für ihren Roman in die Klischeekiste zu greifen und stellt dem Leser die vier Protagonisten ihres Debütromans vor. Da gibt es Bronwyn: Brillenträgerin, Nerd, zukünftige Yale-Studentin. Das genaue Gegenteil stellt Addy dar: Cheerleaderin, blond, hübsch, auf einer sozialen Stufe mit Cooper: Sportler, Baseballprofi, erfüllt den Traum seines Dads. Der vierte Protagonist, der den Leser und endgültig an The Breakfast Club denken lässt, ist Nate: Drogendealer, gibt einen feuchten Dreck auf Autoritäten, Familie aus dem Sozialen Brennpunkt.

Diese vier müssen zufälligerweise am gleichen Nachmittag nachsitzen, aus Gründen, die sie alle bestreiten. Mit unter ihnen ist noch Simon Kelleher. Er hat ein digitales Forum entwickelt, auf dem alle Schüler anonym Tratsch und Lästereien posten können. Während die fünf Teenager unbeaufsichtigt sind, erleidet Simon plötzlich einen schweren allergischen Schock und stirbt. Nachdem ein Unfall ausgeschlossen werden kann, hat die Polizei ihre vier Hauptverdächtigen schnell gefunden. Brownwyn, Addy, Nate und Cooper versuchen nun ihre Unschuld zu beweisen, was sich als schwierig herausstellt, da vom Internetaccount des toten Simon weiterhin gepostet wird – Geheimnisse, die jedem der vier ein Motiv geben, sich an Simon zu rächen.

Potential für Serienhit

One of us is lying wird wechselnd aus der Sicht der vier Protagonisten erzählt. Dadurch wird natürlich Abwechslung erzeugt und man erlangt nicht nur einen Einblick in die engsten Kreise der vier Verdächtigen, sondern auch in ihre Gedankenwelt. Der Nachteil dieser persönlichen Erzählperspektive ist allerdings, dass man schnell ausschließen kann, dass einer von ihnen den Mord begangen hat. Zu persönlich lernt man die Teenager kennen. Auch den eigentlichen Mörder kann man schnell herausfinden. Die Spannung wird eher dadurch erzeugt, wie die Tat begangen wurde.

Doch das eigentlich Schlaue an McManus’ Roman ist die Entwicklung der vier Charaktere. Geht der Leser am Anfang noch von Schülern aus, wie sie klischeehafter und eindimensionaler nicht sein könnten, so intelligent wandeln sich ihre Eigenschaften und das Bild, welches andere von ihnen haben. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten die Geheimnisse, die nach und nach vom toten Simon, als letztem Racheakt, veröffentlicht werden. Natürlich ernten die Vier zunächst Spott und Verachtung ihrer Mitschüler und Familien, doch McManus beschreibt unglaublich gut, wie sie damit umgehen. Sie stellen sich die Frage, ob sie die Rolle, die sie spielen, weiter ausführen oder ihr eigenes Leben und ihre wirklichen Interessen ausleben wollen. Besonders der Konflikt in den der Baseballstar Cooper gerät, überrascht den Leser vollkommen und ist am spannendsten zu beobachten. 

Es würde nicht überraschen, wenn auf der Netflix-Startseite bald eine große Ankündigung zur Verfilmung von One of us is lying auftauchen würde. Der Roman hat alles, was eine moderne Topserie auszeichnet. Umgang mit Mobbing, Tod und Drogen wie bei 13 reasons why, Beziehungsdramen und Geheimnisse im Stil von Pretty little liars, Technik- und Gesellschaftskritik à la Black Mirror. Dazu kommen noch die Klischees einer High School wie in jeder amerikanischen Teenie-Serie.

Dadurch wird One of us is lying zu einem stimmigen Gesamtpaket. Die anfängliche Angst, dass der Roman bloß auf der Erfolgswelle von Tote Mädchen lügen nicht mitschwimmen will, legt sich glücklicherweise bald. Schnell geht der Roman in eine andere Richtung als die Geschichte um Hannah Baker und man wird immer wieder vom Verlauf der Handlung überrascht, weshalb man das Buch schnell durchgelesen hat und es gerne bis zur letzten Seite auskostet.

 

Karen M. McManus
One of us is lying
Aus dem Amerikanischen von Anja Galić
cbj 2018
448 Seiten
18,00 Euro