Lieben und Leben zwischen Cholera, Wundbrand und Syphilis

von Ines Reckziegel (1. September 2018)

 

Als 1831 die Cholera Berlin in Atem hält, beschließt Elisabeth, Wärterin an der Charité, dem berühmtesten Krankenhaus seiner Zeit, zu werden. Zwar verdient sie dort nicht wirklich viel, aber sie hat eine Aufgabe, der sie mit Hingabe nachgeht. Bald schon genießt Elisabeth unter den Patienten und Ärzten einen guten Ruf, und auch Subchirurg Alexander Heydecker ist von der jungen Frau angetan.

Doch eine Liebschaft zwischen einem jungen Arzt und einer Krankenschwester wäre niemals denkbar, oder doch? Während Elisabeth von der Medizin fasziniert ist, wendet sich Martha Vogelsang von ihrer Profession ab. Die Hebamme trifft nach zwei folgenschweren Geburten eine Entscheidung, die ihr Leben und das ihres Sohnes August für immer verändern wird und arbeitet von da an im Totenhaus der Charité. Im Gegensatz zur Geschäftigkeit in der Charité, der nun Elisabeth und Martha angehören, könnte das Leben der Gräfin Ludovica nicht langweiliger sein. Ihr Mann bildet sich dauernd irgendwelche Krankheiten ein und lässt seine Frau die meiste Zeit links liegen. Gut, dass wenigstens Professor Dieffenbach regelmäßig zum Grafen gerufen wird, der Ludovica etwas Trost spendet und von der Schönheit und Intelligenz der Gräfin angetan ist. In einer Zeit in der Hygiene noch nicht oben auf der Tagesordnung steht, man noch ohne Narkose operiert und viele neue Erkenntnisse in der Medizin gewonnen werden entfaltet und verstrickt sich das Leben von Elisabeth, Martha und Ludovica auf wundersame Weise.

Die Charité – Hoffnung und Schicksal von Ulrike Schweikert ist ein gelungener historischer Roman, der auch gerne noch etwas länger hätte sein dürfen. Vielleicht sind manche von den knapp 500 Seiten abgeschreckt, doch will man kaum aus dem Berlin der 1830er Jahre auftauchen. Die Autorin schafft es, die Charité, ihre Ärzte und Wärterinnen so authentisch darzustellen, dass man sich lebhaft das geschäftige Treiben in Berlins berühmtesten Krankenhaus vorstellen kann. Die drei Damen, Elisabeth, Martha und Ludovica fungieren als Protagonistinnen und entführen den Leser in die Welt der Medizin aus Sicht einer Frau. Doch auch die Männer kommen nicht zu kurz. Alexander Heydecker, Professor Dieffenbach und noch viele andere Ärzte und Charaktere sind glaubwürdig dargestellt und bringen einem die Umstände und Probleme der damaligen Zeit näher. Die Charité – Hoffnung und Schicksal beginnt mit dem Einzug der Cholera in Berlin 1831 und begleitet die Protagonisten über mehrere Jahre hinweg. Ihre Geschichten werden aus verschiedenen Perspektiven heraus geschildert und auch die Entwicklung der Medizin spielt eine große Rolle in Ulrike Schweikerts Roman. Subchirurg Heydecker, sowie Professor Dieffenbach fragen sich zum Beispiel, wodurch der Wundbrand ausgelöst wird, warum es immer wieder „Epidemien“ von Kindbettfieber gibt und wie die Cholera übertragen wird. Viele Charaktere in Die Charité – Hoffnung und Schicksal haben wirklich gelebt, manche großen Ärzte werden nur am Rande genannt, andere nehmen einen wesentlichen Teil der Handlung ein. Alles in allem ist es ein gelungener historischer Roman, mit liebenswerten und realistischen Charakteren, Lebensgeschichten, die einen mitfiebern lassen, interessanten medizinischen Fällen und Entdeckungen. Man merkt, dass Ulrike Schweikert sehr viel Recherche in Die Charité – Hoffnung und Schicksal gesteckt hat. Wenn man dann nach ein paar spannenden Stunden im Berlin der 1830er Jahre wieder im Hier und Jetzt ankommt, freut man sich doch gleich, dass die Medizin in den letzten Jahrhunderten riesige Fortschritte gemacht hat und viele Ursachen und Heilmittel, für die im Roman beschrieben Krankheiten gefunden wurden.
 

Ulrike Schweikert
Die Charité – Hoffnung und Schicksal
Rowohlt 2018
496 Seiten
14,99 Euro