Traue niemals deinen Nachbarn

von Franziska Schleicher (18. September 2018)

 

 

New York City, ein Wohnblock des oberen Mittelstands. Rote Backsteinhäuser, hübsche Dachgärten, kleine Parks. Der ideale Ort für einen gemütlichen Spaziergang in der Abendsonne. Doch nicht für Anna Fox.

Die Psychologin leidet an Agoraphobie, sie kann ihr Haus nicht verlassen ohne ohnmächtig zusammenzubrechen. Seit fast einem Jahr ist sie in ihren vier Wänden gefangen und vertreibt sich die Zeit mit Schwarz-Weiß-Filmen, Online-Pokerrunden, Selbsthilfe-Chats – und damit, ihre Nachbarn zu stalken. Aus Mangel an einem eigenen Leben, dringt sie bis in die hinterste Ecke der Privatsphäre der Leute ein, die sich in ihren Häusern in Sicherheit wiegen. Keiner weiß, was sie da tut, mit der Kamera, hinter ihren Fenstern. 

Die eigene Angst als größter Feind

Annas Leben ändert sich, als gegenüber eine neue Familie einzieht. Sie lernt den Sohn, Ethan, kennen und verbringt einen Nachmittag mit der Mutter, Jane. Die beiden Frauen vertrauen sich viele persönliche Dinge an und Anna freut sich, endlich so etwas wie eine Freundin gefunden zu haben. Bis sie einen Schrei hört und durch ihre Kameralinse den Mord an Jane beobachtet. Sie will ihr helfen, doch ihre Phobie ist zu groß. Nach Annas Zusammenbruch glaubt ihr niemand. Der Nachbar präsentiert der Polizei seine Ehefrau. Doch das ist nicht die, die Anna kennengelernt hat. Sie beginnt damit Nachforschungen anzustellen, und findet dabei Dinge, die lieber vor ihr verborgen geblieben wären.

Willst du wirklich alles wissen?

Es passiert eigentlich nicht viel in The Woman in the Window. Die meiste Zeit sitzt die Protagonistin tatsächlich nur da und sinniert über ihr Leben, ihre Krankheit und ihre Familie, die nicht mehr da ist. Als dann am Ende des Romans doch mal ein wenig Action aufkommt, erscheint diese leider viel zu übertrieben und macht viel von der Stimmung des Romans kaputt. Wie im Untertitel des Buchs gezeigt, hinterfragt man beim Lesen wirklich oft, was Anna wirklich im Haus ihrer Nachbarn gesehen hat. Doch A.J. Finn lässt einem hierbei keinen Freiraum, sondern will seine Leser leider viel zu sehr lenken – inklusive vieler Richtungswechsel versteht sich. So wird gefühlt auf jeder zweiten Seite erwähnt, dass Anna ihre Psychopharmaka auf keinen Fall mit Alkohol einnehmen sollte, dies aber natürlich trotzdem tut und auch am Tatabend getan hat.

Der Erstlingsroman von Finn ist ein ruhiger Thriller, einer der ohne grauenhafte Morde auskommt, er geht dem Leser aber auch nicht stark an die Psyche. Und doch ist er so gut geschrieben, dass man auf jeder Seite ein komisches Gefühl hat und weiß, dass Ruhe auch sehr trügerisch sein kann. The Woman in the Window lässt sich wunderbar lesen und ich würde ihn auch auf jeden Fall empfehlen. Den lobpreisenden Vergleichen mit Gone Girl kann ich dann aber leider doch nicht ganz zustimmen.

 

A.J. Finn
The Woman in the Window – Was hat sie wirklich gesehen?
Aus dem Englischen von Christoph Göhler
Blanvalet 2018
544 Seiten
15,00 Euro