Schmil Grigorewitsch und seine Söhne

von Friederike Klett (24. Oktober 2018)

Maxim Biller ist der Meister der konzentrischen Kreise, die schöner nicht formuliert sein könnten. Dafür feiert man ihn als einen der besten Literaten der deutschen Gegenwart oder ist genervt von der Egomanie des rücksichts-, gnaden- und kompromisslosen Scheinbar-Bad-Boys. Die Wahrheit ist natürlich, dass man ihn für diese Egomanie feiern sollte, dafür dass es durchzieht nur über ich selbst zu schreiben und zu reden und sich fragen sollte, warum das eigentlich auffällt im deutschen Literaturbetrieb. Selbstverständlich auch für die Sätze in denen nie ein Wort falsch zu sein scheint und deren Melodie sich beim Lesen so schnell verselbstständigt wie verflüchtigt. 

Der neue Roman von Biller ist eine Familiengeschichte, die sich um den Tod von Schmil Grigorewitsch dreht, der im Russland der Fünfzigerjahre für illegale Geschäfte hingerichtet wurde. Fest steht für den Ich-Erzähler, der der Enkelsohn des Ermordeten ist, dass dies aufgrund eines Verrates innerhalb der Familie geschehen sein muss, die Frage, um die sich der Plot dreht ist bloß: Wer hat den Patriarchen verraten? Im Fokus stehen immer wieder die vier Söhne Schmils und zwischendurch seine Schwiegertochter, die erst mit dem einen Sohn, dem Vater des Ich-Erzählers, zusammen war, später dessen Bruder geheiratet hat und sich dann auch von diesem scheiden ließ. Der Roman springt zwischen verschieden Zeitebenen hin und her, von Kindheitserinnerungen bis ins Jetzt. 

Aber wie immer bei Maxim Biller liegt dem Ganzen noch ein größeres Thema zugrunde. Die Familiengeschichte ist nicht nur über die vielen Figuren, die alle äußerst verwebte Geschichten untereinander haben, erzählt, sondern es ist auch eine extrem politisch aufgeladene Geschichte. Die vier Söhne aus einer russisch-jüdischen Familie emigrieren, gehen weg vom russischen Hinterland mit der eindrucksvollen Datscha, mehr oder weniger in den Westen. Prag ist eine der Stationen, und ebenso einer der wichtigsten Räume des Romans. Dort wollen sie entweder noch viel weiter in den Westen, wollen sich einen Namen in der Intellektuellenszene machen oder werden von der faschistischen Vergangenheit Deutschlands und den Konzentrationslagern in Osteuropa eingeholt. Die Schweiz wird die neue Heimat zweier Brüder, während der Ich-Erzähler mit seiner Familie nach Hamburg emigriert. Die Familie besteht praktisch aus unzähligen Geschichten, doch am Ende hat jede die gleiche Pointe: Am Ende hat immer jemand anderes wahrscheinlich den Vater verraten. Es erscheint fast wie ein Thema mit tausend Variationen, die die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts porträtieren. Dabei entstehen unheimlich tiefe literarische Figuren, wie die Tante des Ich-Erzählers, die stetig mehr verzweifelt und aus deren Verzweiflung zwischendurch ein Film entsteht, den sie jedoch gar nicht so haben wollte. Die eifersüchtige Mutter, die eine ständige Unzufriedenheit mit Allem in sich herumschleppt. Der patriarchale Vater, der jedoch nie den größten Patriarchen der Familie, den ‚Tate‘, den ermordeten Großvater, übertrumpfen oder einholen wird. Der Onkel in der Schweiz, der irgendwie gern ein Lebemann wäre, sich den Lebensstil aber niemals leisten kann. 

Am Ende des Romans geht irgendwie alles auf, ohne aufgelöst zu werden. Der Ich-Erzähler lebt in Berlin und möchte seine Eltern nur in Prag, nicht aber in Hamburg besuchen, er schreibt. Die Mutter lebt in Hamburg und hat noch eine Wohnung in Prag und schreibt, und die Schwester lebt in London, hält wahrscheinlich den regesten Kontakt zu den Eltern, vermisst ihren Hund wenn sie in Hamburg ist und schreibt. Und irgendwie gehen die Fäden von der Flucht vor dem Stalinismus, von dem gescheiterten Prager Frühling, von der Wiedervereinigung Deutschlands, von früherem und heutigem Antisemitismus auf, und obwohl der Roman die Familie kaum verlässt, gibt er eine recht genaue Bestandsaufnahme von Europa nach dem Krieg mit Auswüchsen bis nach Kanada und Südamerika, aus jüdischer Perspektive, die fast vollkommen komponiert und doch ohne Agenda ist. 

 

Maxim Biller
Sechs Koffer
Kiepenheuer & Witsch 2018
19,00 Euro