What a man

von Florian Grobbel (26. Oktober 2018)

 

Seit gut einem Jahr schwappt wieder eine neue große Welle des Feminismus über die Welt. Ausgelöst durch #MeToo wird sich wieder häufiger die Frage gestellt, welche Position Frauen in der Gesellschaft haben und durch was sie sich definieren. Niemand wird bestreiten, dass es im 21. Jahrhundert ein neues und modernes Frauenbild gibt. Doch wie ist es mit den Männern? Hat auch dieses Geschlecht eine Wandlung durchgemacht und wie definiert sich der moderne Mann? Der kanadische Autor David Szalay beschreibt neun moderne Männer in seinem Roman Was ein Mann ist.

Sehr systematisch und klar ist David Szalays Buch aufgebaut. In neun Kapiteln, betitelt nach den Monaten von April bis Dezember, beschreibt er Episoden aus den einzelnen Leben der verschiedensten Männer, von denen jeder einzelne Europäer ist und deren Geschichten stets in einem europäischen Land fern ihrer Heimat spielen. Zudem sind es verschiedene Altersgruppen, von denen dort nacheinander erzählt wird.

So beginnt das Buch im ersten Kapitel mit der Geschichte des siebzehnjährigen Simon, der sich auf einer Kulturreise durch Europa befindet und endet schließlich mit einem Bericht über den Rentner Tony, welcher einen Autounfall erlebt und nun über die Endlichkeit seines Lebens nachdenkt. Man merkt, dass die neun Männer wirklich grundverschieden sind. Zunächst glaubt man noch, dass es sich ingesamt um recht introvertierte Zeitgenossen handelt. Der Brite Simon ist an seiner Reise hauptsächlich an der Kunst und Kultur der einzelnen Länder interessiert. Er will in Kirchenkonzerte gehen, anstatt wie sein Kumpel mit Party, Frauen und Drogen die Zeit zu gestalten. Im zweiten Kapitel wird vom Franzosen Bernard erzählt, der alles in allem ein ziemlicher Loser ist und nichts hinkriegt. Er ist Mitte Zwanzig und macht allein Urlaub auf Zypern, wo er von allen attraktiven Frauen missachtet wird und am Ende unwillig Sex mit einer jungen übergewichtigen Frau, als auch deren Mutter hat. Aber es gibt auch richtige Dreckskerle unter Szalays Männern: Der schottische und sehr nationaleingestellte Frührentner Murray versucht es in Kroatien mit der altbewährten Macho-Tour und erkennt, dass er damit nicht bei den Frauen ankommt. Ein Kapitel weiter geht es um den reichen, eingebildeten Yachtbesitzer Alexandr, welchem jetzt der Verlust seines ganzen Besitzes droht, da seine Korruption aufgeflogen ist.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Zunächst einmal muss man festhalten, dass es keine leichte Aufgabe ist, gleich neun Biographien für sein Buch aufzustellen. Dazu gehört nicht nur das erfinden des jeweiligen Lebenslaufes. Man muss sich auch genau auskennen, mit den Interessengebieten und Berufswegen der einzelnen Charaktere. David Szalay hat seine Recherchearbeit gemacht. Er scheint alles zu wissen, sowohl über die Liebe zu klassischer Musik des Jugendlichen Simon, als auch über die linguistische Forschung des belgischen Akademikers Karel. Aber auch das Business der Edelprostitution oder das Leben eines Superreichen beschreibt Szalay mehr als authentisch. Ebenfalls die Kultur, Architektur und das Menschenbild der europäischen Länder erwachen vor dem Auge des Lesers zum Leben, ohne eine verkitschte Darstellung voller Klischees zu sein.

Der Mittelpunkt von Szalays Buch sind allerdings ganz klar die Figuren. Der Autor dringt tief in jeden seiner neun Hauptakteure ein und macht ihre Lebenslagen und Beweggründe greifbar, sodass man nach den jeweils 50 Seiten die Figur genau kennt und mit einem offenen Ende zurückgelassen wird. Aber nicht nur die Protagonisten lassen einen etwas über den Mann des 21. Jahrhunderts lernen, sondern auch die männlichen Nebenfiguren, die ihnen an die Seite gestellt werden, bieten jeweils einen scharfen Kontrast zum Charakter der Mannes im Mittelpunkt der Episoden.

Natürlich kann mit diesen neun Typen kein allumfassendes Bild des modernen Mannes entworfen werden. Zu kritisieren wäre beispielsweise, dass kein einziger homosexueller Charakter auftaucht und bei über der Hälfte der neun Männer die Begierde zu einer Frau im Mittelpunkt der Geschichte steht, was nun ehrlich gesagt wirklich kein neues Männerbild darstellt.

Trotzdem bietet Was ein Mann ist von David Szalay einen spannenden und vor allem realistischen Ausschnitt in das Innenleben einiger moderner, europäischer Männer, der manchmal sehr schockierend und tragisch, andererseits an manchen Stellen auch sehr lustig ausfällt. In welcher Weise man sich als männlicher Leser in einem der Charaktere wiederfindet, ist jedem selbst überlassen. Aber auch Frauen sei dieses Buch sehr empfohlen. Auch sie werden nach dem Lesen vielleicht noch ein bisschen besser wissen, was ein Mann ist.

 

David Szalay
Was ein Mann ist
Hanser 2018

512 Seiten
24,00 Euro