Take me to church!

von Jana Röckelein (4. November 2018)



„Wenn ich über alles nachdenke, was mir passiert ist, frage ich mich manchmal, ob irgendwas davon echt war. Ich frage mich manchmal, ob die Anstalt es vielleicht am Ende geschafft hat, mich verrückt zu machen.“ Was bleibt, wenn einem alles genommen wird, wenn sogar die eigene Identität ausradiert werden soll? Ergreifend erzählt der amerikanische Schriftsteller Garrard Conley in seiner autobiographischen Erzählung Boy erased über seine Zeit in einem Umerziehungscamp für Homosexuelle und wie sich dadurch die Beziehung zu seiner streng katholischen Familie verändert hat.

Arkansas, USA, 2003. Der Sohn eines streng katholischen Baptistenpredigers wird gegen seinen Willen vor seinen Eltern als homosexuell geoutet. Von nun an beginnt für ihn eine wahre Tortur – und die Frage nach seiner eigenen Identität. Unterwirft er sich den strengen Regeln seiner Kirchengemeinde, die die Bibel wortwörtlich nimmt und keine Fehltritte akzeptiert und entschließt sich zu einer Konversionstherapie oder riskiert er es für seine Identität einzustehen und aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

Aus der tiefsten Provinz von Arkansas verschlägt es Conley schließlich nach Kalifornien zur christlich-fundamentalistischen Organisation Love in Action (LIA). Fortan wird ihn und anderen Teilnehmern des radikalen Konversionsprogramms eingeredet, dass ihre Homosexualität falsch sei und sie sich neu orientieren müssten. Dabei müssen sie auch den Grund für ihre laut LIA fehlgeleitete Sexualität herausfinden, zum Beispiele mit Hilfe eines Familienstammbaums, in dem sie die „Sünden“ ihrer Vorfahren, wie beispielsweise Alkoholmissbrauch, aufzeichnen sollen. Und so verliert Conley nach und nach den Bezug zwischen Richtig und Falsch, vor allem aber führt dies zu einem Ungleichgewicht zwischen seinem Glauben und seiner Identität. Gegründet 1973, stellt LIA in seinem Umerziehungscamp im Jahre 2004 Homosexualität Krankheiten oder Suchtverhalten wie Alkoholismus, Sodomie oder Drogenkonsum gleich. Freiwillig, um den Ansprüchen seiner Eltern und der Gesellschaft zu genügen, setzt sich der damals 19-Jährige Garrard Conley den Maßnahmen LIAs aus. Ergreifend erzählt Conley von seinen Entzug dort, der wenn er auch nur für kurze Zeit bei LIA war, bei ihm doch bis heute bleibende Spuren hinterlassen hat. Lebendig und erschütternd erzählt er von an Psychoterror erinnernden Befragungen, das Ausreden ihrer Sexualität sowie von quälenden Selbstmordgedanken seiner Mitstreiter.

Ist Conleys Schreibstil, der sich nicht nur auf einen Handlungsstrang fokussiert, sondern immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herspringt zu Anfang noch gewöhnungsbedürftig, fügt sich dieser Schreibstil später problemlos in die erzählte Geschichte ein. Etwas gewöhnungsbedürftig war anfangs auch, wie viel Verständnis er gegenüber seinen Eltern, trotz ihrer (zumindest zu Beginn) sehr konservativen und christlich geprägten Einstellung gegenüber bringt, die seine Homosexualität offen abweisen. Und somit ist es nicht nur eine Geschichte von Missbrauch, sondern auch von der bedingungslosen Liebe Garrard Conleys zu seinen Eltern und seiner Herkunft.

Der Sohn eines Baptistenpredigers schreibt von der Auslöschung und Abänderung seiner Persönlichkeit und Sexualität, es ist ein Aufbegehren, ein persönlicher Widerstand gegen traditionell-christliche Weltanschauungen, in denen für Homosexuelle kein Platz ist. Aber auch persönlich wirft sein Outing Conley in einen Zwiespalt: Seine Homosexualität ist nicht mit der Religion vereinbar, mit der er aufgewachsen und mit der er sich bisher identifizieren konnte. Für Conley kommt nur ein Bruch mit der Religion, nicht aber mit seiner Familie infrage.

Auch noch im Jahr 2018, in der sich ein amerikanischer Präsident offen gegen Homosexuelle ausspricht und deren Diskriminierung befürwortet, ist „Boy erased“ ein Buch das gelesen werden muss.

Garrard Conley
Boy Erased
Secession Verlag 2018
335 Seiten
25,00 Euro