Schlummert ein Mörder in jedem von uns?

von Franziska Schleicher (11. Dezember 2018)


Wem würdest du einen Mord zutrauen? Der Verkäuferin in der Bäckerei? Der Arzthelferin? Deinem besten Freund? Oder vielleicht sogar dir selbst? Mit dieser Frage spielt der neue Thriller der jungen deutschen Autorin Melanie Raabe.

Die Protagonistin Norah begegnet in ihrer neuen Heimat Wien auf der Straße einer Bettlerin, die ihr eine düstere Weissagung mit auf den Weg gibt: Norah wird am 11. Februar auf dem Prater einen Mann töten. Aus freien Stücken und mit gutem Grund. Zunächst tut Norah die Begegnung als nichtig ab und hält die Frau für verrückt. Doch nach und nach häufen sich merkwürdige Zufälle, die Norah in die Nähe dieses Mannes treiben. Sie beginnt Nachforschungen anzustellen und muss sich infolgedessen mit dem düstersten Kapitel ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Norah rutscht immer tiefer in einen scheinbar unaufhaltsamen Strudel aus Geheimnissen, an dessen Ende die entscheidende Frage wartet: ist sie wirklich in der Lage einen Menschen zu töten?

Uhren bleiben stehen, die Vögel fallen tot vom Himmel

Melanie Raabe spielt in Der Schatten mit einem Gedankenexperiment, das wohl jeden Leser im ersten Moment innehalten lässt, um sich selbst eben diese Frage zu stellen. Die Idee, die diesem Roman zugrunde liegt ist in jedem Fall wahnsinnig spannend. Und auch die Umsetzung ist größtenteils wirklich gut gelungen. Raabes Figuren sind sehr sympathisch und die tollen, wenn auch düsteren, Beschreibungen der Stadt Wien schaffen eine stimmungsvolle und wahnsinnig passende Atmosphäre für diesen Thriller. Raabes Stil lässt sich wunderbar flüssig lesen und man hat keine Probleme der Handlung zu folgen. Allerdings lässt der thrill  dieses Thrillers leider einige Zeit auf sich warten. Denn nach der Prophezeiung passiert eine ganze Weile nicht besonders viel. Ich persönlich bevorzuge Thriller, die einen spätestens nach 30 Seiten vollends gepackt haben – bei Der Schatten hat das leider etwas länger gedauert. Aber das ist ja bekanntlich Geschmacksache. Nach der Durstphase steigt Raabe nämlich umso schneller ins Geschehen ein und spätestens dann kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Und das ist ja bekanntlich das Wichtigste. Das Ende ist wirkt vielleicht auf den ersten Blick etwas zu stark konstruiert, passt aber zum Gesamtbild des Romans und auch zu der Message, die sich durch Raabes gesamtes Buch zieht: nämlich dass Gewalt an Frauen leider ein immer noch großes Problem in unserer Gesellschaft ist. 

Wer einen soliden Thriller sucht, noch dazu einen deutschsprachigen – denn dieser Markt ist ja doch eher von anglo-amerikanischen Autoren beherrscht – der ist mit Der Schatten von Melanie Raabe in jedem Fall gut beraten.

Melanie Raabe
Der Schatten
btb 2018

416 Seiten
16,00 Euro