Der Gott der Lügen liebt dich

von Anna Hechler (14. Januar 2019) 



Als New York Times Bestselling Autorin wagt sich Marie Rutkoski mit Die Schatten von Valoria an eine Trilogie im Jugendbuchbereich und entführt mit ihrem Auftakt die jungen Leser in die besitzergreifende Welt des Imperiums Valoria, das alles verschlingt, wonach es ihm begehrt. Was bedeuten einem dann noch die Bezwungenen, wenn man aus dem Volk der Gewinner stammt? Die Generalstochter Kestrel wird dazu gezwungen, sich genau diese Frage zu stellen. 

Marie Rutkoski eröffnet mit Spiel der Macht ihre Fantasy-Trilogie Die Schatten von Valoria und entführt sogleich in eine Welt der Besitzer und Besitztümer: Das Imperium Valoria ist bereits über Herran hereingefallen und Kestrel sieht sich als Tochter des ranghöchsten Generals in der gehobenen Gesellschaft, während sie vor der Wahl steht, zu heiraten oder dem Militär beizutreten. Eine Kurzschlussentscheidung führt sie dazu, den Sklaven Arin zu ersteigern, der ihr langsam andere Perspektiven aufzuzeigen beginnt. So kommen sie sich näher: als Repräsentanten ihrer Völker und Kulturen, als ebenbürtige Menschen unterschiedlichen Glaubens und auch als Liebespaar. Kestrel befindet sich jedoch gefangen zwischen ihren beiden Zukunftsaussichten und dem höfischen Dasein, wohingegen Arin als Schmied langsam aber sicher mit anderen Sklaven daran arbeitet, sein geliebtes Herran wieder von den Eindringlingen zu befreien. 

Ein konfliktgeladenes Zusammenleben zwischen Eroberern und Besiegten darzustellen ist nicht und der Plot auch recht vorhersehbar. Die Autorin wartet leider mit wenig Innovation und gewitzten Plot Twists auf und auch die Charaktere bieten kaum Überraschungen. Jedoch impliziert die Autorin dies fast schon gezielt von Anfang an, da öfters auf den „Fluch des Gewinners“ verwiesen wird, der auch im Englischen den Titel ziert (The Winner's Curse). Schon allein das Konzept aus der Auktionstheorie, das darauf hinaus will, dass der Gewinner einer Versteigerung gleichzeitig der Verlierer ist, da er aufgrund des Modells einer Auktion dazu tendiert, einen zu hohen Preis zu bezahlen, bildet das Fundament des Buches und der darauf aufgebauten Geschichte. 

Beim Lesen des Buches ergibt sich allerdings eine Art filmisches Erlebnis, da sich die Kapitel perspektivisch von Kestrel und Arin abwechseln und somit unterschiedliche Blickwinkel und Gedankengänge beleuchten – was eben aber auch einige Überraschungsmomente vorausnimmt. Dennoch entsteht durch die teilweise recht kurze Länge eines einzelnen Kapitels der Eindruck, man sähe einen Film, in dem lediglich die wichtigsten Ausschnitte dargestellt worden sind. Das mündet natürlich auch in der Auffassung, nicht mit belanglosen Nichtigkeiten wie endlosen Beschreibungen oder unnötigen Zwischensequenzen aufgehalten zu werden.

Sowohl Kestrel als auch Arin weisen eine gewisse Vielfalt auf, womit das Interesse des Lesers nicht augenblicklich verfällt, die beide jedoch eine etwas müßige Ähnlichkeit verleiht. Kestrel wartet zum Beispiel trotz Musikverliebtheit und ruhigem Charakter auch mit dem Gegensatz zur Risikobereitschaft und hervorgehobenem strategischen Denken auf. Arin hingegen ist nicht minder von Musik angezogen und von behutsamen Gemüt, obwohl er nicht bereit ist, seinen Stolz zu begraben, sodass er alles auf eine Karte setzt, indem er entschlossen daran arbeitet, einen Putsch zu organisieren und die Stadt einzunehmen. Dennoch erleben die Protagonisten jeweils eine Entwicklung, die sie weltoffener zeigt und aufgrund dessen auch zusammenführt. 

Ihre Beziehung startet erst sehr zart und ist geprägt von Missverständnissen und Meinungsverschiedenheiten, die durch die beiden Erzählpositionen deutlich herausgearbeitet werden. Trotz ihrer Gefühle füreinander hält es keinen von beiden ab, im Sinne ihrer Länder und Völker zu arbeiten, wodurch sich schließlich die Machtverhältnisse verschieben. Und jedes Mal stellt sich die Frage, was die Besiegten den Eroberern bedeuten. 

Das Buch ist für eine junge Zielgruppe ab 14 geschrieben und hält für solch junge Leser einige Wendungen bereit, die insbesondere auf Kestrels taktischen Lösungskonzepten aufbauen. Trotz aller Vorhersehbarkeit des Hauptverlaufes des Plots reicht die Imagination am Ende nicht aus, um zuerkennen, wie es in den nächsten beiden Büchern weitergehen könnte, da all das, was man vermutet hat, bereits stattgefunden hat und tatsächlich gegen Ende auch darüber hinausging. 

Die Frage, wie Kestrels und Arins Geschichte weitergeht, da sie sich ungeachtet aller Feindschaften lieben, steht zum Schluss mit einem dicken Fragezeichen im Raum und lässt einen nicht los. Letztendlich haben beide ihre eigenen Kämpfe irgendwo gewonnen, doch wie es der Fluch des Gewinners so will, haben sie jeweils vielleicht einen zu hohen Preis dafür gezahlt.

 

Marie Rutkoski
Spiel der Macht
Aus dem Englischen von Barbara Imgrund
Carlsen 2018
364 Seiten
19,99 Euro