Von der Traumvorstellung in die totale Barbarei

von Janine Vogelsang (18. Januar 2019)



Ikarien von Uwe Timm brachte Ende 2017 Furore in die Medienlandschaft. Der neue Roman des altbekannten Schriftstellers aus Hamburg beschäftigt sich mit der Rassenhygiene und deren Ursprüngen. 

Im 19. Jahrhundert noch eine Traumvorstellung. Ein sozialistisches Paradies mit Gleichberechtigung von Mann und Frau, freien Wahlen und basisdemokratischer Abstimmung. Ein Gegenentwurf zur Industrialisierung mit ihrer Kinderarbeit, dem frühen Tod der Arbeiter und den hygienischen Verhältnissen in den überfüllten Städten.


Ikarien. Eine Utopie und nun der Titel des Romans von Uwe Timm. Doch der Roman setzt nicht in der Utopie ein, sondern in einer Trümmerlandschaft. Tote und Verstümmelte im Deutschland des Jahres 1945.

Nun könnte man denken, man begibt sich in die Sphären eines grandiosen Romans. Die Idee ist zweifellos groß, denn in vielschichtigen Handlungsfäden, wird eine  entscheidende Frage gestellt: Wie konnte aus einer progressiven (utopischen) Idee eine totale Barbarei entstehen? Wie kann ein humanistisch geprägter Mensch zum Vorkämpfer der Vernichtung von Menschen anderer Rassen werden? Timms Antwort weist seinen Weitblick auf, der die Moderne an sich mit ihrem Hang der Verwissenschaftlichung, Des-immer-weiter-vorans, als Grund nennt und damit postuliert, dass die entstandene Barbarei aus dieser gründet, indem die „gesunde Rasse" die medizinische Antwort auf ein soziales Problem „sein musste". Es war der Gegenentwurf zum politischen Umbruch, die Lösung, die Zahl der Erbkranken möglichst gering zu halten.

Doch so schwierig die Handhabung der Themen im Roman ist, so enttäuschend sind auch die oberflächlichen Monologe, die der Tiefe des Themas nicht gerecht werden, gar eine unrealistisch detaillierte Nachkriegssicht kundtun. Schaffte Timm einen neuen Blickwinkel, so vermochte er es nicht, ihm die angemessene Weite zu verleihen. Deswegen bleibt am Ende nur ein Roman, der hätte grandios werden können. Der eine neue Art der Aufmachung zwischen progressiven Strömungen und realen Vergangenheitsquerschnitt vorstellte, aber weder Aufregung erzeugte noch Neuigkeiten verkündigte, so dass nur noch eine Frage bleibt: Mit was für einen Roman hat man es hier zu tun? Einer Kritik, die auf die Gegenwart abzielt? Einem historischen Abriss? Mit einer Geistesstudie? Alles versucht er zu sein und schafft es nicht eines davon komplett auszufüllen.

Uwe Timm
Ikarien
KiWi 2017
512 Seiten
24,00 Euro