Familie muss man hinnehmen, Entscheidungen kann man selbst treffen

von Jana Lickteig (16. Februar 2019)

Die andere Seite der Seele


Erstmals nach 21 Jahren kehrt die gebürtige Chilenin Ana, die als Journalistin in London arbeitet, zurück in ihre Heimat. Dort sieht sie sich nicht nur mit komplizierten Familienverhältnissen konfrontiert, sondern muss auch lernen, dass sie nicht jedem größeren Problem in ihrem Leben einfach davonlaufen kann. In Die andere Seite der Seele gewährt die chilenische Autorin Carla Guelfenbein dem Leser einen Einblick in das Leben der wohlhabenden chilenischen Gesellschaft, in der alles daran gesetzt wird, den Schein einer gut funktionierenden Familie, beziehungsweise Ehe,  nach außen hin aufrechtzuerhalten.

Abwechselnd lässt Guelfenbein die drei Frauen Ana, Daniela und Cata zu Wort kommen und zeigt eindrücklich auf, welche Folgen Schweigen, fehlendes Verständnis, Eifersucht und das erdrückende Gefühl, alles richtig machen zu müssen, in verschiedenen Beziehungskonstellationen nach sich ziehen kann.

Die unfehlbare Ana scheint ihr Leben fest im Griff zu haben und wird dadurch für die junge Daniela, die an ihrer Unzulänglichkeit fast zerbricht, zum letzten Rettungsanker. Doch die Journalistin Ana hat selbst damit zu kämpfen, dass die perfekte Fassade, die sie sich über die Jahre hinweg mühsam aufgebaut hat, durch die Trennung von ihrer großen Liebe Jeremy, tiefe Risse erlitten hat. Für Cata hingegen, Danielas Mutter, gleicht die unerwartete Ankunft Anas in ihrem Leben einer Katastrophe. Gezeichnet von Einsamkeit und innerer Leere fürchtet sie, dass ihr die Kontrolle über ihre Position als Mutter und Hausherrin entgleitet. Darüber hinaus führt Anas selbstbewusstes und lebensfrohes Auftreten Cata ihre eigenen unerfüllten Träume vor Augen. Anders als Cata beugt sich die ungebundene Ana nicht einem festgefahrenen und eintönigen Alltag, sondern hat die Gabe, sich an den kleinen und schönen Dingen des Lebens erfreuen zu können. Zudem besitzt sie die innere Stärke, sich nicht von Familie und Freunden, deren Meinung in der chilenischen Gesellschaft viel zählt, in ihrem Handeln einschränken zu lassen.

Mit Die andere Seite der Seele hat sich Carla Guelfenbein einer schwierigen Thematik gewidmet, deren Umsetzung zwar nicht scheitert, die jedoch auch keine ganz runde Komposition darstellt. Trotz des verheißungsvollen Plots darf der Leser nicht auf einen sonderlich tiefgründigen Roman hoffen. Dafür erscheint die Aneinanderreihung der dramatischen Ereignisse sowie die Gedanken der Figuren zu weit hergeholt, während die Ausgestaltung der Figuren gleichzeitig etwas konturlos bleibt und nicht restlos überzeugt. Auch hätte es dem Roman nicht geschadet, auf einige der sexuellen Szenen zu verzichten, da die Erotik teilweise übertrieben und fehl am Platz wirkt. Daneben, möglicherweise lässt sich dies auch auf eine nachlässige und lieblose Übersetzung zurückführen, stört der stellenweise von sehr kurzen Sätzen und aneinandergereihten Hauptsätzen gekennzeichnete Sprachstil einen genussvollen Lesefluss.  

Dennoch, für die Leser, die eine leichte und trotzdem nachdenkliche Lektüre suchen, ist Die andere Seite der Seele durchaus zu empfehlen. Durch die gewählte mehrdimensionale Erzählperspektive wirbt Guelfenbein für mehr Verständnis für die Lage anderer Personen, mehr Kommunikation untereinander und nicht zuletzt schwingt zwischen den Zeilen der leichte Fingerzeig mit, sich selbst und seine Probleme nicht immer ganz ernst zu nehmen, sondern das Leben mit einem Augenzwinkern so zu nehmen, wie es gerade kommt.

Carla Guelfenbein
Die andere Seite der Seele
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
FISCHER Taschenbuch
320 Seiten
12,00 Euro