»Die Wirklichkeit eines Atems« - Der Kosmos der Pflanzen

von Jasmin Wieland (1. März 2019)


Was die Welt ist, müssen wir von den Pflanzen erfragen – denn eben sie »machen Welt«. Sie wird unterschätzt, die Pflanzenwelt. Doch wie sagte bereits Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau? »In wildness is the preservation of the world.« Und nun ist es Emanuele Coccia, der in Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen eben jene Bedeutung der Natur bzw. der Pflanzen unterstreicht. Es ist ein Buch mit Tiefe, viel Tiefe, vielschichtig und verzweigt, wie die Wurzeln der Pflanzen.

Angefangen bei der Eingliederung der Pflanzen im Bereich der Wissenschaft, über das zentrale Moment des Stoffwechsels beziehungsweise des Atmens, und über die unsichtbare, unterirdische Kraft der Wurzeln hinweg, bis hin zum Anziehungspunkt Blüte, die die Pflanze mit der Welt verbindet, reist Coccia durch alle Partien der Pflanze und beschreibt dabei keinesfalls etwas Dingliches. Er lässt die Pflanze lebendig werden, indem er auch ihr Körper, Geist und Seele zuschreibt. Dabei bringt er fachsprachliche und zentrale Begriffe wie etwa den »tierische[n] Chauvinismus« oder das »vegetative Leben« bzw. die »Nährseele« an, und kritisiert mitunter deutlich, etwa wenn er sich gleich zu Beginn gegen den eben genannten »tierische[n] Chauvinismus« verschreibt.

Ohne die Philosophie und Größen wie Aristoteles außer Acht zu lassen, führt Coccia von Kapitel zu Kapitel. Desweiteren zeigen die zahlreichen Anmerkungen und intertextuellen Bezüge, wie fundiert und wohlüberlegt Coccia sein Werk über Pflanzenkosmos erschaffen hat. Für den Laien unbekannte Begriffe wie etwa »Kosmogonie« (also die »Lehre von der Entstehung und der Entwicklung des Weltalls sowie der Himmelskörper«) nachzuschlagen, um in die Materie einzutauchen, hat definitiven Mehrwert.

Die Wurzeln der Welt ist ein, in Slow Motion zu lesendes, Werk und wenn Coccia feststellt, dass die Pflanzen ein Auf-den-Kopf-Stellen der bestehenden Ordnung sind und die Verschmelzung des Umfassten mit dem Umfassenden, so gilt das gleichermaßen für dieses Buch. Es ist eine Analogie zum Wachstumsprozess der Pflanzen, denn so wie es Zeit braucht, die Gedankenstränge und Verzweigungen Zentimeter um Zentimeter zu einem mentalen Wurzelwerk zusammenzufügen und zu verstehen, so benötigen auch die Pflanzen Zeit, zu wachsen, zu erblühen und sich zu entfalten.

Coccia schafft es auf außergewöhnliche Weise, den Inhalt seines Werkes, die innere Struktur, mit der äußeren, der Art des Schreibens und Vermittelns, verwachsen zu lassen. Er zeigt so wiederholt, worauf es ihm ankommt: Zuerst war die Pflanze, das tierische Leben. Der Mensch ist nur ein Produkt ihrer kontinuierlichen und intrinsischen Produktion von Luft, von Sauerstoff. Die Pflanze ist die Quelle des menschlichen Lebens und darum, und so der indirekte Appell Coccias, gibt uns Menschen Nichts das Recht, sich ideologisch, ethisch und moralisch über die Pflanzenwelt zu stellen. Wenn wir das begreifen, gibt es nur eine logische Konsequenz.

Es ist die eine evolutionäre und globale Verantwortung des Menschen, die Natur und somit die Pflanzen zu schützen und respektvoll mit eben diesen umzugehen. Und so ist Die Wurzeln der Welt womöglich auch ein Appell, der Natur mehr Raum zu geben, etwa auf städtischen Dachterrassen Urban Gardening zu betreiben, Grundstücke mit Hecken, statt Steinmauern zu umsäumen, oder mehr Zimmerpflanzen aufzustellen. Und vielleicht auch, Häuserdächer und -wände als natürliche Form der Gebäudeisolierung zu begrünen. Die Wurzeln der Welt ist ein Plädoyer fürs Leben. Denn das Leben ist Grün. Grün wie die Hoffnung. Grün, die Farbe der Zukunft.

Emanuele Coccia
Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen
Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke
Hanser 2018
192 Seiten
20,00 Euro