How to: Human.

von Tessa Friedrich (25. März 2019)


Wer Eva Menasses Roman Quasikristalle kennt, der ist sich ihrer Kunstfertigkeit, eine Figur analytisch zu konstruieren, bewusst: Im Fokus stand eine Frau, deren Leben in Abschnitten aus dreizehn verschiedenen Perspektiven erzählt wurde. Bei ihrer aktuellen Veröffentlichung Tiere für Fortgeschrittene handelt es sich ebenfalls um eine anthropologische Studie, diesmal allerdings in Form von umgekehrten Fabeln. Über Jahre hinweg sammelte Menasse skurrile und außergewöhnliche Meldungen über Tiere, die sie als Spiegelung menschlicher Verhaltensweisen sah. Aus dieser Idee entstanden acht Erzählungen – acht Konstellationen aus Figuren, die uns die Antwort auf die Frage, was das Menschsein ausmacht, etwas näherzubringen scheinen.

Unterschiedlicher könnten Lebensentwürfe nicht sein: Ein alter Mann, der sich durch seine demente Ehefrau überfordert und alleingelassen fühlt. Eine Gruppe von Akademikern und Künstlern, die sich zu einer Revolte zusammenschließen.  Ein erfolgreicher Regisseur, der sein scheinbar perfektes Leben durch einen Fehltritt zusammenbrechen sieht. Der Zugang zu diesen und den anderen Momenten dieses Buchs ist jedoch stets ähnlich. Der Leser wird mal mehr, mal weniger direkt und unvermittelt in das Leben hineingeworfen, wodurch man die Figuren kennenlernt wie Fremde, denen man zufällig begegnet, sie für eine kurze Zeit ein Stück begleitet, um dann wieder getrennte Wege zu gehen.

Eine literarische Spielart, die sich mit den Tiermeldungen, die wie kleine Prologe jeder Erzählung vorangestellt werden, gut ergänzt. Somit bekommt man immer wieder neue Rätsel präsentiert, die es auf den jeweils circa vierzig Seiten zu lösen gilt, denn inwiefern können Tabakschwärmer-Raupen, Nolana-Haarschafe und in McFlurry-Bechern festeckende Igel etwas über den Menschen verraten?

Das Resultat dieser Versuchsreihe ist eine unwahrscheinlich interessante Psychologisierung der verschiedenen Figuren. Wirken die Details aus der Welt der Tiere zunächst abstrus und unserer eigenen zu weit entfernt, eröffnet Menasse in ihren Erzählungen immer wieder neue Sichtweisen auf die Spezies »Mensch«, womit sie Marotten und Charaktereigenschaften aufdeckt, die man vielleicht im Laufe seines eigenen Lebens bei seinen Mitmenschen oder an sich selbst entdeckt haben könnte. Und sollte selbst dies nicht der Fall sein, so wirken die Figuren dennoch so greifbar, dass man fast nicht glauben kann, sie würden nur in der Fiktion zwischen zwei Buchdeckeln existieren. Unterstützt wird diese Genauigkeit durch eine stets detaillierte Beobachtung der alltäglichen Gedankenwelten, die sich pro Text im Sprach- und Erzählstil an die unterschiedlichen Figuren anpasst und dadurch pointierte Sätze hervorbringt wie »Man durfte nicht so viel zusammen sein, dass man nicht mehr anders konnte, als miteinander Brettspiele zu spielen. Und wenn man es tat, dann nicht öffentlich.«

Wer allerdings auf der Suche nach einer entspannten Sonntagabend-Lektüre ist, der sei vorgewarnt: leicht liest sich Menasses Tiere für Fortgeschrittene nicht. Dies mag natürlich von den eigenen Lesegewohnheiten abhängen, doch nichtsdestotrotz verlangt die analytische Suche nach Hinweisen, wo die tierischen Verhaltensmuster in den Erzählungen wiederzufinden sind, hohe Konzentration und am besten einen Bleistift zum notieren, markieren und unterstreichen. Ein forderndes Leseerlebnis, das aber durchaus dabei helfen kann, sein Handy bewusst einfach mal auszuschalten und sich nur den gedruckten Worten zu widmen (hier spreche ich aus Erfahrung) und dadurch mehr als lohnenswert wird. Denn obwohl das abschließende Resultat auf die Frage »Was ist der Mensch?« nach der Lektüre der von Menasse aufgezeigten Abgründe ihrer Figuren zunächst ernüchternd erscheint, erlangt man doch eine beruhigende Erkenntnis: Ja, jeder Mensch ist unterschiedlich und wir alle werden im Laufe unseres Lebens falsche Entscheidungen treffen, Dinge bereuen, an uns selbst zweifeln, Fehler machen. Aber letztendlich sind wir dadurch wieder alle als Teil der Spezies „Mensch“ miteinander verbunden.

Eva Menasse
Tiere für Fortgeschrittene
Kiepenheuer & Witsch 2017
316 Seiten
20,00 Euro