Ein Mexiko- Roman über zwei Brüder, brave Jungs, Rausch, Rache und Menschlichkeit

von Svenja Schrader (3. Mai 2019)

Guillermo Arriagas, eigentlich gefeierter, mexikanischer Drehbuchautor veröffentlicht mit „Der Wilde“ 2018 seinen dritten Roman. Einen Roman, bei dem man sich durchaus zwischendurch zu fragen beginnt, wie viele eigene Erfahrungen Arriaga, der seinen Geruchssinn bei einem Straßenkampf verlor, hat einfließen lassen.

Auf 750 Seiten erzählt er einerseits die Geschichte von Juan Guillermo, der mit 17 Jahren in einem der düsteren Viertel von Mexiko Stadt erst seinen Bruder verliert und dann zum Weisen wird. Andererseits verfolgt der Leser, wie ein Inuit von einer Vision getrieben, verzweifelt versucht in Kanada einen Wolf zu erlegen. Soviel sei verraten, die beiden Erzählstränge führen am Ende zusammen.

Neben beeindruckenden Charakteren, von denen keiner ohne Ecken und Kanten ist, trägt auch Arriagas interessanter Schreibstil zum Leservergnügen bei. Zwischen Passagen in einem einfachen, klaren Stil, finden sich immer wieder Textabschnitte experimenteller Art, etwa eine halbseitige Auflistung der Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Todesursachen. Teilweise wirken diese Abschnitte cineastisch. Ein Ortswechsel alle zwei (Lese-) Minuten und minutiös detaillierte Zeitangaben, kommen einem sonst eher aus Thrillern oder Agentenfilmen bekannt vor. Obwohl dieser Detailreichtum und die hohe Bildhaftigkeit an manchen Stellen übertrieben erscheinen, erreicht Arriagas doch jedes Mal, dass der Leser noch mehr in die Geschichte hinein gezogen wird. Beeindruckend ist auch, dass Arriaga es schafft, ohne chronologische Erzählweise, über einige Ortswechsel, viele Personen und zwei Erzählstränge hinweg, den Leser nicht den Überblick verlieren zu lassen. 

Einzig einige Abschnitte, die Geschichten aus den Mythologien verschiedener Kulturen erzählen, unterbrechen die sonst spannende Story immer wieder. Es wirkt so, als hätte der Autor dem Roman, welcher ohnehin schon auf vielen Ebenen spielt und funktioniert noch eine zusätzliche Tiefe verleihen wollen. Es sind die Stellen, an denen ich manchmal leise genervt gestöhnt habe, nur um dann doch zu pflichtbewusst zu sein, um sie zu überblättern. Tatsächlich haben die kurzen Erzählungen am Ende alle irgendwo Berührungspunkte mit der eigentlichen Geschichte. Trotzdem sind sie der einzige Punkt, an dem man zwischendurch aufschaut und merkt, dass man doch einen 750 Seiten Epos liest. Ansonsten hat Arriaga es auf faszinierende Art geschafft mindestens 5 Romane in einen zu packen. Einen Roman über die Wildnis, eine von Gewalt und Drogen geprägte Gangstergeschichte, eine Romanze, eine Milieustudie und ein Coming of Age-Drama.

 

Guillermo Arriagra 
Der Wilde
Klett-Cotta 2018
745 Seiten
26,00 Euro