Süditalien und das Erwachsenwerden

von Rebecca Hertlein (8.Mai 2019)

 

Den Himmel stürmen. In seinem neuen Roman schreibt Paolo Girodano über vier junge Menschen, die sich im Alter von 16 kennenlernen und begleitet sie über die nächsten 20 Jahre hinweg, auf ihrem Weg, den Himmel zu stürmen.

Theresa kommt eigentlich aus Turin, verbringt aber jedes Jahr die Sommerferien in Apulien bei ihrer Großmutter. Bern, Tommaso und Nicola leben nebenan, bei einem, wie man sagen könnte, Bibelfanatiker. Nicola ist der einzige leibliche Sohn, Bern und Tommaso sind sozusagen adoptiert. Diese Tatsache allein führt schon manchmal zu Spannungen zwischen den Dreien, doch als dann auch noch Theresa dazukommt, wird die Sache kompliziert. Im Laufe der Jahre werden die vier zu Sektenmitgliedern, Ökoaktivisten, Hausbesetzern, teilweise Drogensüchtigen. Sie verlieben sich ineinander, streiten sich, verlieren sich aus den Augen und finden wieder zusammen.

Bibel, Umwelt und Freiheit

Die Geschichte wirkt zeitweise sehr konstruiert und die radikalen Ökoaktivisten und Bibelfanatiker werden im Laufe des Buches immer unsympathischer. Theresa erscheint geradezu naiv - vom Turiner Großstadtkind zur süditalienischen Naturfrau lässt sie alles mit sich machen, was Bern von ihr erwartet. Sie verliert zunehmend ihre eigene Meinung und es fällt schwer, sich mit den Charakteren zu identifizieren. Bern ist auch sonst eine Art Über-Figur, der alle anderen extrem beeinflusst und stark polarisiert. Sein Bruder Tommaso würde alles für ihn tun und alles mit ihm teilen, natürlich auch Frauen. Gruppensex ist keine Seltenheit in diesem Roman. Nicola hingegen ist eher neidisch auf Bern und fühlt sich oft benachteiligt. Generell ist die Stimmung des Buches vergleichsweise düster und stellenweise schon fast hoffnungslos. Die biblische Erziehung, die die drei Jungen von jeher mitbekommen haben, steht im krassen Gegensatz zum alles umfassenden Freiheitsdrang, den die Protagonisten, allen voran Bern, verspüren. Mit der Radikalisierung und der Zuwendung zum Öko-Aktivismus verschwimmt auch die Grenze zwischen Legalität und Illegalität für die Charaktere immer mehr und nicht selten finden sie sich in gefährlichen Situationen wieder. Schlussendlich hat mich das Buch leider nicht so recht überzeugt und die Botschaft des Autors hat sich mir nicht erschlossen.

 

Paolo Giordano
Den Himmel stürmen
Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner
Rowohlt Verlag 2018
528 Seiten
22,00 Euro