Eine literarische und reale Reise zum eigenen Ich

von Jana Lickteig (11.Mai 2019)


 

Hanns-Josef Ortheil wandelt in Die Mittelmeerreise auf den Spuren seiner Jugend: Im Jahr 1967 begibt er sich mit seinem Vater im Hafen von Antwerpen auf ein Frachtschiff, welches die beiden durch das Mittelmeer bis nach Istanbul bringt. Die Erlebnisse und Begegnungen auf dem Frachter gewähren dem Leser dabei einen intensiven Einblick in die ganz persönliche Odyssee des jungen Autors.

Aufbruch in ein neues Leben

Die Mittelmeerreise setzt sich aus dem Reisetagebuch, welches Hanns-Josef Ortheil während der Reise schrieb, Briefen an die Mutter, den Aufzeichnungen seines Vaters sowie aus Texten zusammen, die in der Zeit direkt nach der Reise entstanden sind. Der autofiktionale Roman schildert nach Die Moselreise, Die Berlinreise und auch Paris, links der Seine die vierte und letzte Reise Ortheils mit seinem Vater. Schnell wird dem Leser dabei klar, welch weitreichende Bedeutung die Fahrt und die damit verbundenen Erfahrungen für den Jungen hatten.

Auf über 600 Seiten wird der Leser dazu eingeladen, sich dieser Reise und insbesondere der lebendig beschriebenen Gedankenwelt des „Idioten“, wie seine Klassenkameraden Ortheil betiteln, anzuschließen: Bereits kurz nachdem der Frachter Albireo Fahrt aufgenommen hat, gerät das Schiff im Atlantik auf der Höhe Nordfrankreichs in einen schweren Sturm, der den fast 16-Jährigen schwer seekrank werden lässt: „Nur zusammengekrümmt ließen sich die Schaukelanomalien der Albireo ertragen, längst war sie nicht mehr Herr ihrer selbst, sondern Wind und Wetter hilflos ausgeliefert.“ Der daheim gebliebenen, schonungsbedürftigen Mutter werden in Postkarten hingegen eine ruhige Fahrt und die beste Laune an Bord vorgeflunkert.

Während die Fahrt weiter an Spanien vorbei bis nach Gibraltar führt, versteckt sich der Junge noch hinter seinen Büchern und seinen akribisch geführten Aufzeichnungen, die seinem Schreibzwang entspringen, doch es beginnt sich auch ein innerer Wandel abzuzeichnen: „Endlich ging ich mal mit mir ins Gericht und sprach gnadenlos über meine großen Schwächen, die ich bisher immer hinter meiner ewigen Klavierüberei und all meinen anderen, von den Erwachsenen lebenslang hochgelobten Fähigkeiten versteckt hatte!“ Einen nicht unerheblichen Anteil daran hat die Besatzung, vor allem mit dem etwas älteren Steward Denis kommt es immer wieder zu Reibereien, die, so der Eindruck beim Lesen, aber auch dringend nötig sind, um den Jungen ein Stück weit hinaus aus seiner eigenen Welt zu führen.

In Patras und Athen ist es dann so weit: Ortheil legt Homers Odyssee beiseite und findet sich wenig später mit einer jungen Griechin, die er im Club getroffen hat, beim Sonnenuntergang am Strand von Kap Sounion wieder. Ausgiebig Zeit, die erste Liebe zu genießen, bleibt allerdings nicht, da die Albireo bereits Kurs auf weitere Stationen am Ägäischen Meer nimmt und auch das Ende der Reise, Istanbul, wartet. Daher bleibt es erst einmal bei dem Versprechen: „Ich presste die Zähne fest aufeinander und kämpfte, verdammt nochmal, gegen die Tränen. Und dann brachte ich es doch noch heraus und sagte: ‚Wir bringen das hin, keine Sorge, wir bringen das schon zusammen!‘“ Abschließend kommt der Autor in seinen selbstreflektieren Beobachtungen letztendlich zur Erkenntnis, dass die Reise viel mehr ist als bloß „ganz wunderbar“.

Ortheils Sprache beeindruckt durch ihre Lebendigkeit, ihren Witz und nicht zuletzt durch die vielen Details, die kein einfaches Drüberlesen dulden. Es lohnt sich, als Leser ausreichend Zeit und Muße mitzubringen, um ihr gerecht zu werden und sich auf sie einlassen zu können. An einigen Stellen zieht sich der Roman zwar doch etwas in die Länge, aber die Geduld zahlt sich aus – Ortheils Selbsterfahrungen zu lesen ist ein entschleunigtes Lesevergnügen, das im Gedächtnis bleibt.

 

Hanns-Josef Ortheil
Die Mittelmeerreise
Luchterhand
640 Seiten
24,00 Euro