Zurück nach Phantasien und Lummerland - Wieland Freund vollendet Michael Endes Geschichte

von Janine Vogelsang (12.Mai 2019)    

 

 

Der Schöpfer der liebsten Kindheits- und Erwachsenenfiguren starb im Jahr 1995. Doch Bastian Balthasar Bux, Momo und Jim Knopf blieben. Im Frühjahr erschien nun eine neue Figur von Michael Ende und machte damit Jung und Alt glücklich. Die Rede ist von Knirps, der auf seinen Gegenspieler Rodrigo Raubein trifft. Knirps ist der Sohn zweier Marionettenspieler und zieht mit Papa und Mama Dick durch die Lande. Was auf dem ersten Blick spannend klingt, ist für Knirps sehr langweilig. Er sehnt sich nach Abenteuern in der Welt und flieht, um später beim Bösewicht Rodrigo Raubein Knappe zu werden. Dass er dabei genügend Abenteuer erleben wird, ist abzusehen.

Wir haben es dem Thienemann Verlag zu verdanken, dass wir Knirps und seine Geschichte verfolgen können. Wieland Freund, Kinderbuchautor und bekannter Journalist bei „Die Welt“, hat zu dem Manuskript noch weitere Kapitel hinzugefügt und ein solides Buch geschaffen, das zwar nicht mit den Geschichten Michael Endes vergleichbar ist, aber die Grundzüge seiner Welten beinhaltet.

Die dreizehn weiteren Kapitel orientieren sich am Fragment und lassen Knirps durch etliche Abenteuer ziehen, ohne dabei den Grundcharakter des Jungen außen vor zu lassen. Denn auffällig ist eines besonders: In den ersten Kapiteln des Fragments erschuf Michael Ende schon eine Figur, die sich von einem schüchternen Bastian oder einer Momo, die viel zu früh erwachsen werden musste, sehr unterscheidet. Knirps ist mutig und stürzt sich ins Abenteuer, ohne dass sich ein größerer Sinn hinter seinen Handlungen verbirgt. Somit fällt die Lektüre schon am Anfang aus der gewohnten Michael Ende Welt, in der dieser seine Helden stets in Abenteuer schickt, dessen Ausgang schicksalsgebend für eine ganze Welt ist. Eine moralische Botschaft sucht der Leser vergebens. Doch das tut dem – im Übrigen wunderschön von Regina Kehn illustrierten – Werk keinen Abbruch. So neu und untypisch es für Endes Geschichten scheint, so wenig stört diese Tatsache. Denn Wieland Freund schafft eine lockere und freudige Geschichte, die fast nostalgisch an Phantásien und Lummerland erinnert. Er erschuf noch einmal die altbekannte Fantasiewelt und lässt somit nicht nur junge Leser Teil von Michael Ende werden, sondern auch bekannte Liebhaber in Kindheitserinnerungen schwelgen und erneut zu den Büchern greifen.

Es wäre vermessen, darüber zu spekulieren, welchen Werdegang sich Michael Ende für seine Figur Knirps gewünscht hätte. Somit bleibt am Ende ein freudiges und leichtes Kinderbuch, das ohne große Moralvorstellungen auskommt, dafür aber umso mehr Witz, Fantasie und Erinnerungen mit sich bringt.

 

Michael Ende, Wieland Freund
Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe
Thienemann 2019
202 Seiten
17, 00€