Zeit und Macht - Macht und Zeit. Christopher Clarks neues fulminantes Werk

Von Janine Vogelsang (13. Mai 2019)

                                                                                    

Nicht ohne Zufall, ist der bekannteste Historiker der deutschen Vergangenheit kein Deutscher und scheut sich nicht Thesen abseits des akademischen Mainstreams zu veröffentlichen. Die Rede ist von Christopher Clark. Durch zahlreiche Interviews, TV-Dokumentationen und nicht zuletzt durch seine Bücher, schaffte er es, als Geisteswissenschaftler den Durchbruch. Schnell wird der Ruf nach Populärwissenschaft laut, doch das besondere an Christopher Clark ist, dass man ihm – trotz seiner medialen Präsenz – genau diese Vorwürfe nicht machen kann.


Seine wegweisenden Schriften zur preußisch-deutschen Geschichte sind mittlerweile Standardwerke, insbesondere sein 2006 veröffentlichtes Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947. Kein seriöser Historiker würde es Clark absprechen mit der notwendigen Akribie und Leidenschaft für Quellen zu arbeiten. Der Vorwurf der Parteinahme, die über jeder historischen Darstellung schwebt, ist da schon schwerer zu entkräften. Auch Clark wurde dieser schwerste aller Vorwürfe der deutschen Historikerzunft in der Debatte um sein Buch Die Schlafwandler gemacht.

Revisionismus, Rehabilitierung des deutschen Kaiserreichs, Verschiebung der Kriegsschuld, und andere, für manche sicher karrierezerstörende Vorwürfe, wurden erhoben. Sicherlich schütze ihn nicht nur seine australisch-britische Herkunft, auch die Vorwürfe konnten zu keiner Zeit ausreichend belegt werden. Dabei ist nicht nur die Haltung Clarks außerhalb der Debatte, da er mit einiger Sicherheit kein reaktionärer Monarchist ist, sondern seine Arbeitsweise. Der lauwarme Aufguss der Fischer-Kontroverse (die sein Buch nebenbei schlicht beendete) und des Historikerstreits, von den immer gleichen öffentlichen Anklägern, verhallte schnell.

Der Grund dafür ist, dass Christopher Clark es schaffte, komplexe Zusammenhänge deutlich zu machen, ohne Komplexität zu verschweigen. Wer die 800 Seiten der Schlafwandler gelesen hat, wird immer noch von der lebendigen Beschreibung der Vergangenheit beeindruckt sein, die es schafft, langatmige Akten und Diplomatendossiers so einzubetten, dass ein Bild geschaffen werden konnte, das die Dramatik der Situation vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges angemessen beschrieb.

 

Zeit und Macht – Macht und Zeit

 

Mit Zeit und Macht legt Clark nun einen ganz anderen Entwurf vor. Weniger die Beschreibung und Einbettung von konkreten historischen Ereignissen stehen im Vordergrund, sondern die Beschreibung eines bestimmten und wahrnehmbaren Phänomens: Dem Verhältnis der Macht zu seiner eigenen Zeitlichkeit. Die Schwerpunkte des Buches sind somit schnell gefunden. Es geht um den politischen Durchsetzungswillen und die Frage nach den Anleihen an die Vergangenheit, die Frage, welche Legitimation einem absolut regierenden Herrscher gegeben wird und schlussendlich um die Frage nach der Flussrichtung der Geschichte. All diese Fragen werden anhand eines Durchlaufes der Geschichte untersucht. Der Fokus auf Preußen und schließlich auf Preußen-Deutschland hat, wie der Autor selbst schreibt, vor allem pragmatische Gründe: „Der Umstand, dass diese Studie ausgerechnet Deutschland (Preußen) in den Blick nimmt, geht in erster Linie auf die pragmatische Entscheidung zurück, mich auf das Gebiet zu konzentrieren, das ich am besten kenne.“ Professionalität gepaart mit Nüchternheit, machten Christopher Clark bekannt und prägen auch dieses Werk wieder.

Konkret wird anhand von vier historischen Beispielen gezeigt, wie sich der Umgang der Macht mit der Zeit und die Zeit mit der Macht verändert. Diese, schon im Titel gezeigte, Annäherung an (geschichts-)philosophische Auseinandersetzungen, verändert den Charakter des Werkes. Angelehnt an Heidegger, Foucault und Koselleck werden vertraute Clark-Leser eine andere Herangehensweise bemerken. Es geht nicht mehr um historische Episoden, sondern um eine Metabetrachtung der Geschichte. Anhand der Politik des Großen Kurfürsten, Friedrich des Großen, Bismarcks und schlussendlich der Nationalsozialisten wird illustriert, wie sich ein bestimmtes Herrschaftsbild auf die Interpretation der Vergangenheit durchschlägt.

Dieses Vorhaben scheint und ist ambitioniert, was sich auf die Qualität des Buches auswirkt. Die ersten beiden Teile leiden an einer zu hoch gesetzten Form zwischen Darstellung und geschichtsphilosophischer Hermeneutik. Es wird oftmals nicht klar, was im Vordergrund steht. Das erste Kapitel ist staatshistorisch aufgebaut und beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung zwischen dem Großen Kurfürsten und den Ständen während und im Nachgang des Dreißigjährigen Krieges, aber es ist nicht ersichtlich, welcher Mehrwert für die These gewonnen wird. Dass sich in solchen Auseinandersetzungen Veränderung der Auffassung der Geschichte zeigen, ist offensichtlich, doch wird nicht deutlich, weshalb am Beginn der Neuzeit diese Konflikte aufbrechen. Die Frage zu beantworten, würde die Fokussierung auf die Geschichte im Allgemeinen und der Moderne im Speziellen verändern. Das unterlässt Clark, vermutlich, weil auch hier - und sicher nicht unberechtigt – die letzte verlässliche Expertise fehlt.

Dennoch ändert auch diese übergroße Ambition nichts daran, dass die Darstellungen hervorragend zu lesen sind und jede Form von Information bereithalten, die man sich wünschen kann. Dass nicht für ein populärwissenschaftliches Publikum geschrieben wird, zeigt sich daran, dass frühneuhochdeutsche Quellen des preußischen Hofes nicht übersetzt werden. Das Zielpublikum ist offensichtlich nicht der herkömmliche Zuseher seiner Dokumentationen, sondern der ambitionierte Hobbyhistoriker oder das Fachpublikum.

Dabei ist der besondere Stil Clarks hervorzuheben. Gelehrt im Ton, von unglaublicher Sachkenntnis und gleichzeitig auf verschiedenste Gebiete ausgreifend, wird am Ende eine Erzählung aufgespannt, die man selten findet. Die Zeit soll sichtbar gemacht werden. Auch wenn dies nicht immer gelingt - insbesondere der Teil über Friedrich II., aber auch die Zeitvorstellungen Bismarcks erscheinen seltsam leer - sind es die Veränderungen, die deutlich werden und die dahinterstehende Kontinuität, dass die Geschichte Lehrmeisterin des Lebens ist.

Am Ende wird die Argumentation der Schrift gerettet. Er versucht das Phänomen der Zeit im NS-Regime zu verorten und geht dabei das Risiko ein, bei dieser Metabetrachtung auf den Nationalsozialismus falsche Töne einzuschlagen. Hier zeigt sich nicht nur die Größe des Autors, sondern auch die große Klammer, die das Werk zusammenhält: Denn die Untersuchung des Nationalsozialismus und seines Zeitbegriffes dient als Prototyp für alle totalitären Systeme der Moderne. Der Abriss der Zeitlichkeitsstruktur innerhalb dieser Systeme bereitet den Boden für die Verbrechen dieser Regime. Mit der Emanzipation aus dem geschichtlichen Prozess, verliert der Mensch seine eigene Fundierung der Würde. Mit der Schaffung einer neuen Zeit („Das tausendjährige Reich“), wird er in seiner eigenen Machtlosigkeit vor sich gestellt und gerät in den Wahnsinn der grenzenlosen Macht.

Die Geschichtswissenschaft kann nie das ganze Bild herausstellen und erhellen, es ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie kann aber einen Schleier lüften, um ein besonderes Problem und eine besondere Epoche in das Licht des Jetzt zu ziehen. Das versucht und gelingt Clark, trotz einiger Längen und Probleme im Buch, hervorragend, denn die Herangehensweise ist einzigartig und der Stil erfrischend und lesbar, so dass das Werk unbestritten empfohlen werden kann.

 

Christopher Clark
Von Zeit und Macht. Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten.
Deutsche Verlags-Anstalt 2018
313 Seiten
26,00 Euro