Und Absprung!

von Florian Grobbel (14. Mai 2019)

 

 

Es sieht so leicht aus – das Eislaufen: Leicht tänzeln die Sportlerinnen über das spiegelglatte Eis und drehen Kurve um Kurve, bis sie zu dem entscheidenden Moment kommen, in dem sie ihren Körper anspannen und abspringen. Nach einer fulminanten Pirouette kommen sie dann wieder sanft auf dem Eis auf, während das Publikum applaudiert. Doch so glorios wie sie scheint, ist diese Wunderwelt des Eislaufens erst recht nicht, wenn man ein heranwachsendes Mädchen ist, das eigentlich ohnehin schon genug Probleme hat.

Die autobiographische Graphic Novel der Zeichnerin Tillie Walden erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen, die sie während ihrer Teenagerjahre gemacht hat. Einen Rahmen dafür bildet der Eiskunstlauf-Sport, den sie über zwölf Jahre in verschiedenen Ligen und Vereinen ausübte.

Innerhalb dessen vermittelt Tillie ihre Sorgen und Probleme dieser Zeit. Es beginnt mit dem Umzug der Familie nach Texas. Dort muss sich Tillie in die neue Umgebung einfinden, sich mit der neuen Mannschaft arrangieren und Freundinnen finden, was die allergrößte Herausforderung sein soll. Zum einen stellt sich Tillie Walden in ihrem Comic als eine sehr introvertierte aber auch verbissene Person dar, zum anderen stößt sie bei den neuen Eisläuferinnen aber auch gegen eine Wand von Missgunst, Neid und Hochmut. Mit nur wenigen Mädchen kommt sie gut klar und baut eine Freundschaften auf, doch ihre Lage wird nicht besser, als Tillie erkennt, dass sie für eine ihrer Freundinnen mehr empfindet als nur Freundschaft und sie vor ihrem Coming Out steht.

 

Zähne zusammenbeißen

Das Besondere dieses Buches ist auch gleichzeitig sein Nachteil. Wie die Autorin und Zeichnerin im Nachwort verrät, geht es es ihr bei dieser Graphic Novel vor allem um die Vermittlung von Gefühlen. Während des Zeichnens war es ihr wichtig, keine Bilder oder Aufnahmen ihrer Eiskunstlauf-Zeit zu sehen und sich nur auf ihre Erinnerungen zu verlassen, was wirklich gut funktioniert. Auch wenn man weder jemals einen derartigen Wettbewerb beobachtet hat, noch mit den Problemen eines Coming Outs zu tun hatte oder generell eine junge Teenagern aus den Südstaaten ist, erfährt man genau, wie sich diese Situationen des Erfolgsdrucks und Neides anfühlen müssen. Für junge Menschen, die ähnliche Situationen durchleben müssen, kann das Buch daher eine großartige Unterstützung sein. Tillie Walden vermittelt in ihren Aufzeichnungen ganz gewiss keine „Alles wird von alleine gut“-Romantik. Die Moral hinter der sie steht ist immer: „Zähne zusammenbeißen!“

Das Problem dieser gewählten Erzählweise ist allerdings, dass die gezeigten Erinnerungen an manchen Stellen ziemlich bruchstückhaft vermittelt werden. Es fällt schwer in Tillies Geschichte wirklich einzutauchen, da nach wenigen Seiten schon wieder von etwas ganz anderem die Rede ist. Bei der großen Menge an Figuren, die eingeführt aber leider nicht wirklich ausgeführt werden, verliert man schnell den Überblick.

Der Look des Buches hingegen ist wirklich beeindruckend. Der Zeichnerin gelingt es ihre Gefühle perfekt auf Papier zu bringen. Dabei greift sie sehr oft auf große Panels zurück, die ohne zusätzlichen Text nur für sich stehen und trotzdem alles Nötige sagen. Generell wird Sprache auf den knapp 400 Seiten relativ sparsam eingesetzt, was allerdings nicht zu den Nachteilen dieser Graphic Novel zählt. So hat man genug Zeit, die wunderbaren Zeichnungen der Künstlerin auf sich wirken zu lassen.

Letztlich handelt es sich bei Tillie Waldens Pirouetten um einen lohnenswerten Einblick in die Gefühlswelten einer sehr bemerkenswerten Teenagerin. Die Leseempfehlung geht ganz klar an alle Freunde des modernen ‚Coming Of Age’-Romans, die gerne mal eine Graphic Novel für sich entdecken wollen.

 

Tillie Walden
Pirouetten
Reprodukt 2018

400 Seiten
29,00 Euro