Die Reise zum Mittelpunkt des Ichs
von Tessa Friedrich (20.05.2019)



In ihrem zweiten Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster entwirft Kat Kaufmann eine dystopische Vision unserer Gegenwart: Eine Welt, die kurz vor dem dritten globalen Krieg steht, in der Ländergrenzen wieder maßgebend sind und der gegenwärtige Moment alle Bedeutung trägt, da die Zukunft ungewiss ist. Hier hinein platziert die Autorin Jonas, einen jungen Mann, der sich in seinem bisherigen Leben kaum zu verwurzeln vermochte. Als er eine Nachricht seines verstorbenen Großvaters erhält, die ihn zur Suche nach einem gewissen Valerij Butzukin auffordert, scheint sich für sein Leben eine Richtung zu ergeben – und diese führt nach Russland.

Jonas. Ein Name, der sowohl ‚Geschenk Gottes‘ als auch ‚Zerstörer‘ bedeutet. Jonas ist 25 Jahre alt und lebt in Berlin. Abgesehen vom Kalten Krieg 2.0 zwischen den Westmächten und der Russisch-Asiatischen Union ist sein Leben so, wie man es sich als eine Person in seinem Alter wünschen würde: er ist Teil einer funktionierenden Familie mit halbwegs sympathischem und fürsorglichem Stiefvater, lebt in seiner eigenen Wohnung, besitzt die Möglichkeit zur akademischen Weiterbildung und eine liebevolle und unkomplizierte Beziehung zu einer jungen Frau. Und dennoch kann Jonas zu keiner Person seines nahen Umfeldes eine wahre emotionale Bindung aufbauen, er ist von Leere zerfressen, wirft sein Studium und steckt seine Wohnung in Brand. Der Grund? Das weiß er selbst auch nicht so genau.

Kaufmann scheint ein Faible für die Konstruktion von komplexen Identitäten zu haben. Bereits in ihrem Debutroman Superposition wurde anhand der Protagonistin Izy Lewin die Suche nach dem eigenen Ich thematisiert, dort allerdings zwischen dem Dasein als in Deutschland lebende Jüdin, Russin, Migrantin, Künstlerin. In Die Nacht ist laut, der Tag ist finster setzt Kaufmann mit Jonas allerdings eine Figur ins Zentrum, der – von außen betrachtet – durch ihr Aufwachsen in Deutschland ein geradliniger Weg geebnet wurde, die trotz der politischen Umstände alles an Sicherheit zu haben scheint und dann all dies wegwirft. Hierfür bietet Kaufmann keine klare psychologisch-nüchterne Begründung eines omnipräsenten Erzählers oder eine selbstreflexive Ich-Perspektive, sondern das anklagende „Du“ – ein Shift, der äußert gut zur Atmosphäre des Romans passt und diese weiter ausbaut. So werden Jonas‘ Gedanken zu einer eigenständigen Entität, die ihn wie ferngesteuert durch sein eigenes Leben schiebt und ein verständliches Bild für die anhaltenden Selbstzweifel bietet, die sich nach jeder noch so kleinen oder unverständlichen Handlung bei einem selbst einstellen.

Das „Innen“ der Figur Jonas wird von Kaufmann durch ein „Außen“ der Form des Romans noch näher an den Leser herangebracht: Im Laufe von Die Nacht ist laut werden immer wieder mit Daten betitelte Kapitel eingeworfen, die weitere Anhaltspunkte zu Jonas‘ oder der Vergangenheit anderer, wunderbar beschriebener Figuren des Romans bietet. Zusätzlich werden Informationen zum nahenden Dritten Weltkrieg am unteren Rand der Buchseiten wie News eines Live-Tickers bei CNN abgedruckt. Und all das in unterschiedlichen Typografien. Der Leser muss sich dadurch schon rein optisch auf Neues einstellen oder stellenweise den Haupttext unterbrechen, um alles Geschriebene lesen zu können. Eine Idee, die den täglichen Overflow an medialen Informationen unserer Zeit sehr gut ins schriftliche Bild übersetzt und nebenbei die Bedrohung und Zuspitzung des Kalten Krieges mit steigender Spannung ins Gedächtnis rückt.

Kaufmann ermöglicht somit einen Blick in eine Generation im Übergang von X zu Y, die zwar die Digitalisierung bereits seit Kindheitstagen im Alltag integriert hat, aber die dadurch oft entstehende mentale Überforderung kaum bewusst wahrnimmt. Die Generation, der gesagt wurde, dass du alles werden kannst, was du nur möchtest, und dann vor den schier unendlichen Möglichkeiten wie paralysiert sich selbst im Weg steht. Die Nacht ist laut ist somit die Heldenreise eines Millennials, der erst durch das Setzen eines Ziels auf dem Weg dorthin eine genauere Vorstellung davon bekommt, wer er eigentlich ist. Die verschiedenen Figuren, die Jonas auf seinem Weg begegnen, ergänzen oder kontrastieren dieses Generationenbild, sind aber immer glaubwürdig und machen den Text dadurch lebendig. 

Des Romans große Stärke scheint allerdings auch seine Schwächen hervorzubringen: So spannend sich die sich abwechselnden Perspektiven der Figuren, die Backstorys und vor allem Jonas‘ Gedanken zwar lesen lassen, so zeigt die Progression des Plots doch einige kleine Schwachstellen auf und es wirkt fast so, als ob Kaufmann unter all der Konzentration auf Jonas und seiner Wahrnehmungen die Plausibilität der Handlung etwas vernachlässigte. So wird man während der ersten Hälfte des Romans beispielsweise immer wieder darauf hingewiesen, wie wahnsinnig schwierig es sei, für Russland in dieser angespannten politischen Lage ein Visum zu bekommen, um dann letztlich einen Zollbeamten am Flughafen einzusetzen, der den durch eine Mullbinde maskierten Jonas mit seinem geklauten Ausweis einfach passieren lässt. Uhm… really?

Die Bilder, die Die Nacht ist laut hervorruft, machen diese Plot-Lücken allerdings durchaus wieder wett. Vor allem die Szenen und Figuren des Romans aus dem Berliner Nachtleben sind sehr detailliert beobachtet und durch den Sprachenmischmasch aus Berlinerisch und Russisch so atmosphärisch wiedergegeben, dass man sich von Kaufmann noch mehr dieser Großstadtwahrnehmungen wünscht. Denn das kann sie wirklich gut.

 

Kat Kaufmann
Die Nacht ist laut, der Tag ist finster
Tempo 2017
270 Seiten
20,00 Euro