Geballte Wut in der Provinz Sachsens
von Tanja Bleier (28.05.2019)

 

 

Das Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen von Lukas Rietzschel erzählt die Geschichte zweier Brüder, Philipp und Tobi, die in einem kleinen Dorf im Osten von Deutschland aufwachsen. Kindheit und Jugend der beiden Heranwachsenden sind geprägt vom großen Schweigen, das in der Familie herrscht, der Langeweile und Perspektivlosigkeit auf dem Dorf sowie der daraus resultierenden Wut, die sich ein Ventil sucht.

Es ist nicht leicht, in die Geschichte des jungen Autors hineinzufinden. Ich habe einige Anläufe gebraucht, um über die ersten Seiten des Romans hinauszukommen. Woran das liegt, lässt sich schnell ausmachen. Rietzschel verwendet vor allem kurze, einfache Sätze, die er stakkatoartig aneinanderreiht. Den Sätzen fehlen wichtige Bauteile, sodass der Lesefluss erheblich behindert wird. Ellipsen sind zwar ein gutes Stilmittel, wenn man es gekonnt einsetzt, doch die unverhältnismäßige Verwendung lässt einen Text holprig wirken. Die Anfangsszene veranschaulicht das Problem:

„Da waren eine Grube und ein Schuttberg daneben. Mutter stand am Rand und blickte hinab auf die grauen Steine, die zu einer Mauer gestapelt worden waren. Dann hoch auf diesen Hügel aus Erde und Grasklumpen, Kies und Bruchstücken. Ihre beiden Söhne darauf. Tobi und Philipp. Bunte Jacken dreckverschmiert.“ (S.9)

Unklar bleibt außerdem an vielen Stellen, wie im eben genannten Beispiel, aus welcher Perspektive erzählt wird bzw. wer spricht. So nennen sich Personen, die vermeintlich sprechen, selbst in der dritten Person. Ständige Perspektivwechsel, auch innerhalb eines Absatzes, verwirren und erschweren die Orientierung. Immer wieder drängt sich die Frage auf: Wo und zu welcher Zeit befinde ich mich eigentlich gerade? Der erste Teil des Romans, er ist in drei zeitliche Abschnitte von mehreren Jahren unterteilt, bleibt also seltsam verschwommen. Die Szenen sind bruchstückhafte Ausschnitte aus dem Leben der Familie, die an vielen Stellen ebenso fragmentarisch bleiben wie die Sätze selbst.

Trostlosigkeit statt Idylle

Besser wird es sprachlich dann ab dem zweiten Teil des Buches, der in den Jahren 2004 bis 2006 spielt. Rietzschel gelingt es, eine melancholisch-betrübte Atmosphäre zu erzeugen, die zugleich unheilvolle Momente birgt. Das Gefühl der Vernachlässigung, das die Geschwister spüren, wird omnipräsent. Sei es durch die Eltern von Tobi und Phillip, die mental abwesend sind oder die Politik, die Griechenland zwar Geld gibt, aber im Dorf nicht einmal die kaputten Straßen reparieren lässt. Die innere Anspannung schwelt permanent im Hintergrund, die Wut wird stetig größer. An vielen Stellen zeigt sich das ganz direkt: „Gib dem Asylanten deinen Garten, dachte er. Deine Rente noch dazu. Einen Beruf, für den er keine Ausbildung und eine Versicherung, die er sich nicht erarbeitet hat. Er wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Um ihn herum fiel alles zusammen, versank und verreckte“ (S.275). Tobi versucht, die Heimat zu bewahren und zu beschützen. Seine Angst davor, zu kurz zu kommen, wandelt sich in brodelnde Wut gegen Ausländer. Philipp hingegen zieht sich in sich selbst zurück und kapselt sich von der Welt ab.

Rietzschel zeigt an seinen Figuren gekonnt auf, dass der Hass gegen alles, was anders ist und das Eigene gefährden könnte, letztendlich nur die eigene Unsicherheit widerspiegelt. Die Explosion, die ab einem gewissen Zeitpunkt stattfindet, ist nicht schlagartig da. Sie baut sich schrittweise auf und hätte durchaus verhindert werden können, würde man an einigen Stellschrauben im Leben der Brüder drehen. Doch die Trostlosigkeit und Tristesse des Heimatdorfes, die zerrütteten Familienverhältnisse, das Schweigen als Art der Kommunikation sowie eine unglaubliche Langeweile und das Gefühl des Vergessenwerdens durch die Politik führen letztendlich zur Entstehung und Verhärtung rechtsradikaler Gedanken – ein brandaktuelles Thema.

Mit der Faust in die Welt schlagen ist durchaus empfehlenswert. Das Buch nimmt ab dem zweiten Teil an Fahrt auf und verliert die Schwächen des ersten Teils. Für das nächste Buch von Lukas Rietzschel, der außer Frage gut schreiben kann, sind mehr Nebensätze, weniger elliptische Formulierungen und klare Orts- und Zeitangaben wünschenswert.

 

Lukas Rietzschel
Mit der Faust in die Welt schlagen
Ullstein 2018
316 Seiten
20,00 Euro