Coming of Age einer Autorin
von Tessa Friedrich (06. Juni 2019)

 

 

„Die Wahrheit ist nie hässlich. Nur das Missverständnis. Wie die Welt beschaffen ist, erforschen die Naturwissenschaften. Warum die Welt erschaffen ist, verdrängen die Naturwissenschaften. Wir sind immer die heute Lebenden. Und nie dieselben.“

In Zeiten meines Daseins als Schülerin war meine Leidenschaft zum Lesen unweigerlich mit der Fantasy-Autorin Jenny-Mai Nuyen verbunden. Als großer Fan von Romanen dieses Genres faszinierte mich, dass sie sich in ihren Texten wie Das Drachentor von der oft in phantastischer Literatur vorkommenden schwarzweiß Zeichnung durch klare Strukturen von Gut und Böse abwandte und allen Figuren eine individuelle Stimme gab, indem sie in abwechselnden Kapiteln deren Perspektive einnahm. Die Handlungen der unterschiedlichen agierenden Parteien und deren Motivationen und Konflikte wurden nachvollziehbar, der Leser wurde so zum neutralen Beobachter: selten fieberte, jubelte und litt ich beim Lesen so mit jeder einzelnen Figur mit. Und das alles platziert in phantastischen Welten, die Nuyen in einem Alter ab dreizehn Jahren erschuf.

Mit der angekündigten Veröffentlichung von Heartware wurde ich skeptisch: Nuyen hätte einen Thriller geschrieben, ganz ohne Magier, Drachen oder Elfen, dafür aber über Technik, das Internet und USB-Sticks. Sollte dies ein provozierender Meilenstein im aktiven Prozess des Erwachsenwerdens sein, ein Befreiungsschlag aus der literarischen Hannah-Montana-Jugend hin zu einer auf einer Abrissbirne sitzenden nackten Miley Cyrus, von kindlich-naiven Fantasiewelten nun hin zum „echten“ Leben und realen Szenarien? Beim Lesen der ersten Seiten von Heartware stellte sich allerdings bereits eine diesbezügliche Erkenntnis ein: Ja, Jenny-Mai Nuyen ist erwachsener und reifer geworden – wie ihre Leser auch –, aber ihren Schreibstil und ihre besondere Art, spannende Geschichten zu konstruieren, hat sie dennoch nicht verloren.

Erwachsen sind in Heartware auch Nuyens Figuren: Waren bisher meist Charaktere im Teenager-Alter in Nuyens Fokus, so ist man nun positiv überrascht von der derben Sprache und den psychologischen Abgründen, die sie in ihrem neuen Roman schildert. Zeitlos sind allerdings ihre Themen, die auch in Heartware wieder Eingang finden: die erste Liebe, traumatische Erlebnisse der Vergangenheit, der Wunsch nach Zugehörigkeit. Emotionen und Katalysatoren, die Nuyen erneut mit wechselnden Figurenperspektiven verknüpft. Der Roman wechselt somit von Kapitel zu Kapitel seine Spielorte und seinen Ton, verknüpft verschiedene Handlungsstränge mühelos und gewinnt so rasch an Tempo und Spannung, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Vor den Kopf gestoßen fühlt man sich allerdings durch die ausführlichen Details und Informationen, die stellenweise von Figuren über andere Akteure des Romans gegeben werden. Gerade bei einer analytischen Geschichte dieser Art würde man sich wünschen, selbst auf diese Hinweise zu kommen oder die Backgroundstorys nicht auf einem Präsentierteller vorgelegt zu bekommen. Stellt man sich somit die Frage, woher die Figuren all dieses Wissen überhaupt haben sollten, macht es sprichwörtlich „Klick“: Die von den Figuren gegebenen Informationen sind meist Ergebnisse von Internetrecherchen. Menschen und ihre Geschichte werfen also keine Rätsel mehr auf, da sie ihre Geheimnisse online verfügbar machen, unabhängig, ob bewusst oder unbewusst. Nuyen nutzt somit einen literarischen Störfaktor zu ihrem Vorteil, indem sie ihn mit dem Wesen der heutigen digitalisierten Gesellschaft verknüpft und uns damit einen Spiegel vorhält.

Diese Transparenz des eigenen Ichs inklusive der Bereitschaft der Menschen, sich diesem Zustand auszusetzen und das Digitale in sein Leben zu integrieren, werden in Heartware zum Thema: So werden beispielsweise zu Beginn des Plots intime Aufnahmen aus Therapiesitzungen vervielfältigt und veröffentlicht oder das ganze Leben einer Figur verändert sich, da auf seinem Computerbildschirm beim Abrufen des Kontostandes ein paar Ziffern mehr erscheinen – Nuyen führt uns damit unsere Abhängigkeit von Einsen und Nullen vor Augen. Der Titel des Romans ist demnach nicht nur ein klangliches Wortspiel, sondern ein Zustand unserer Zeit, in der die digitale Welt bereits mit der Muttermilch aufgenommen wird und eine Trennlinie zwischen analoger und digitaler Identität kaum noch existiert. Eine Erkenntnis, die nicht zwingend nur Negatives bedeutet, aber uns dennoch zeigt, wie wir unser eigenes Ich online konstruieren. Somit erzählt Nuyen mit ihrem ersten Thriller nicht von fiktiven Parallelwelten, sondern von solchen, die manchmal realer sind als die Realität selbst.

 

Jenny-Mai Nuyen
Heartware
Rowohlt 2017
412 Seiten
14,99 Euro