Hoch hinaus im Wildschwein-Schritt!
von Jasmin Wieland (08. Juni 2019)


Der Traum vom Fliegen. Wer kennt das nicht? Beim Ulmer Spatzen angefangen, über den Zeppelin bis hin zum Flugzeug. Fallschirmsprünge, Bungeejumping. Und genau davon träumt auch das kleine Wildschwein. Nachdem es eines Nachts davon träumte auf einer Tannenbaumrakete unterwegs zu sein, geht es ihm nicht mehr aus dem Kopf: das Fliegen.

In gewohnt elterlicher Fürsorge versucht dem kleinen Wildschwein die ganze Rotte den Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, doch neugierig und erfinderisch wie es ist, geht das eben nicht einfach. Das Ziel ist klar: Einmal fliegen und dafür holt es sich Rat von anderen Waldtieren. Andrea und Lee D. Böhm erzählen in ihrem Bilderbuch Das kleine Wildschwein und der traumhafte Flug für Kinder ab vier Jahren jene herzergreifende Geschichte und zeigen eindrücklich, wie kleine Kinderbuchhelden schon ganz groß sein können… bzw. hoch hinaus wollen.

Schon auf der Eingangsseite wird klar: An dem kleinen Wildschwein führt hier kein Weg vorbei. 15-mal hellgrüne Kulleraugen in 15 Facetten und das sympathische, liebevolle Wesen des kleinen Wildschweins hat das Herz erobert. Auf den folgenden Seiten erkundet es dann mit Heiterkeit und Willensstärke die Welt und möchte wohl sagen: Wenn du wirklich einen Traum hast und du nicht aufhören kannst, daran zu denken, dann folge ihm, egal was deine Herde, Mama oder Papa sagen. Die Augen, ja, das ist es, was all die Waldtiere – von Gans, über Rabe, Eule, Reh, Bär und Co. – auszeichnet und liebevoll erscheinen lässt. Freude hier, Erstaunen da und dort die pure Neugier, die gespannt darauf macht, weiterzublättern.

Genauso fetzig wie das kleine Wildschwein und seine Ideen sind auch die kunterbunten und kräftigen Farben des Kinderbuches. Es mag Geschmacksache sein, ob sie einem gefallen oder nicht, jedoch trägt die Farbenwahl wesentlich dazu bei, dass das Kinderbuch einen phantastischen Charakter erhält. Passend hierzu tauchen auf den Seiten immer wieder Feengestalten oder etwa Regenwurm-Cowboys auf. Märchenhaft wird es auch, wenn Fliegenpilze, Bäume und Büsche Gesichter erhalten und man gar meinen könnte, dass die Köpfe eigentlich Enten- und Wildschweingesichter sind. Auch wenn diese eigentlich freudig gezeichnet sind, steigt hier doch auch etwas der Gruselfaktor. Vielleicht einen Tick zu viel für die Kleinen.

Das entscheidende Element, das einen gespannt durch die Seiten blättern lässt, ist jedoch die Sprache. In konsequent umgesetzten Paarreimen sind es manchmal auch einfache Reime wie ›sein‹ auf ›ein‹. Doch über die Länge des Buches hinweg, wird definitiv mit Qualität gereimt und auch an Vokabular wird nicht gespart, sodass Mama und Papa schon mal überlegen dürfen, wie man ›suhlen‹ und ›Kuhlen‹ erklärt, oder was bspw. eine ›Rotte‹ ist. Und dann wäre ja noch der Reim ›Geäst‹ auf ›großes Fest‹. Was? Wie? Wo? »[D]rei Tage lang«? Und »mit lautem […] Vogelgesang«? Aber was wird denn da gefeiert? Pssst… das wird natürlich nicht verraten. Sonst wäre es ja wildschwein-öden-langweilig. Also nichts wie raus, den Wald entdecken und sich einfach mal mitnehmen lassen auf die phantastische Reise des kleinen Wildschweines. Moment mal… vielleicht träumt es ja immer noch?

 

Andrea und Lee D. Böhm
Das kleine Wildschwein und der traumhafte Flug
Böhm und Böhm 2019
32 Seiten
14,95 Euro