Über kantige Frauen und eine Suche
Von Hannah Deininger (27. Juni 2019)

 

 

 

2015: Luca lebt in Berlin und das im Hier und Jetzt. Das Maschinenbaustudium hat sie geschmissen, den Kontakt in die Heimat quasi gänzlich abgebrochen. Sie arbeitet in einem Lebensmittelladen, hat eine Beziehung mit dem Inhaber und schläft auf einer Matratze im Lager. Was ihr Partner bisher gemacht hat, weiß sie nicht, was sie bisher gemacht hat, weiß er nicht. Darüber reden sie nicht.

Aber jetzt ist alles anders. Jetzt wartet Luca auf die Ankunft ihrer Mutter Marion. Die Ankündigung der Mutter, sie komme zu Besuch nach Berlin, hat den Alltagstrott durchbrochen. Also wartet Luca. Und das lange. Doch Marion kommt nicht. Also entschließt sich Luca wieder in die Heimat zu reisen, ein kleines Dorf namens Ronnbach, und sich auf die Spuren der Mutter zu begeben. Die Rückkehr in die Heimat wird für Luca zu einer Reise in die Vergangenheit und zu einer Suche nach ihrer eigenen Identität. Aufgewachsen zwischen der Mutter und der Großmutter, die sich gegenseitig die Luft zum Atmen nahmen, ohne ein geborgenes Zuhause, wird schnell klar, wovor Luca nach Berlin geflohen ist.

Parallel dazu begleitet der Leser den jungen Mann Cord, der in den 1950er Jahren im Ronnetal auf einem Bauernhof lebte und eng mit seiner Mutter sowie dem heimischen Bauernhof verbunden ist. Cord wird über mehrere Jahre hinweg begleitet, immer wieder taucht dabei der „Geschäftsmann vom Verband“ auf. Dieser überzeugt die Dorfbewohner nach und nach, ihre Höfe aufzugeben und in das neue Dorf, oben am Hang zu ziehen, sodass das Tal geflutet werden kann. Einzig Cord sträubt sich heftig dagegen sein Zuhause aufzugeben und kämpft um den Familienhof.

Das Bindeglied zwischen den beiden Handlungssträngen ist die Ronnetalsperre. Für Cord ist sie eine Tragödie, die ihm und den Dorfbewohnern im Tal ihr Zuhause nahm. Für Luca ist sie eigentlich ziemlich nebensächlich. Durch die Familiennamen der Menschen, die Luca in ihrer Heimat begegnen, macht die Autorin geschickt klar, dass fast alle Familien und ihre Nachfahren auch 50 Jahre nach dem Bau der Sperre noch dort vertreten sind. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein.

Durch den Wechsel zwischen den Zeiten und Lucas Suche nach der Mutter gelingt es der Autorin eine spannende Stimmung zu erzeugen, bei der es schwerfällt, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Auch die gut verständliche Sprache macht das Buch zu einem guten Begleiter für ein Wochenende auf der Couch. Dyckerhoff beschreibt authentisch das Durcheinander in Lucas Innenleben, was sich in immer wiederkehrenden Aggressionsausbrüchen entlädt. Durch die Beschreibung der Familiensituation kommt auch jeder Hobbypsychologe auf seine Kosten und kann sich in der Deutung der Ursachen für Lucas Verhalten austoben. Die Lösung, die die Autorin für Lucas seelisches Durcheinander liefert, ist dann allerdings etwas ernüchternd: Scheinbar braucht Frau nur den richtigen Mann an ihrer Seite und schon ist die Psyche wieder im Gleichgewicht. Ein weiterer Wehmutstropfen ist der Umgang mit dem Hauptthema der Handlung. Das Verschwinden der Mutter und Lucas Suche nach ihr, verlaufen am Ende einfach im Sand und lässt den Leser höchst verwirrt und unbefriedigt zurück. Außerdem ist es der Autorin leider nicht gelungen, die beiden Handlungsstränge explizit zusammenzuführen. Zwar kann der Leser zwischen den Zeilen herauslesen, wo die Verbindung ist, aber der Roman selbst verbindet nicht.

Alles in allem gelingt es Dyckerhoff in ihrem Debut einen spannenden Roman mit sympathischer, menschlicher Heldin abzuliefern. Ein paar kleine Schwächen sind zu verzeichnen, die allerdings in weiteren Werken sicher ausgemerzt werden können.

Henriette Dyckerhoff
Was man unter Wasser sehen kann
rütten & loening 2019
320 Seiten
20,00 Euro