Fotos aus Japan

Von Florian Seubert (13. September 2010)

Banana Yoshimoto ist Kult in Japan. Ihre Geschichten und Romane scheinen den Nerv einer ganzen Generation zu treffen. So auch die dreizehn Geschichten, die nun auf Deutsch unter dem Titel Mein Körper weiß alles erschienen sind. Schon 2000 wurden die Erzählschnipsel in Japan veröffentlicht. Liebe, Schmerz, körperliches und seelisches Leid tropfen aus den Geschichten. Darunter mischen sich leicht rührselige Erinnerungen an Kindertage, die Suche nach vergangenem Wohlgefühl. Dazwischen die ein oder andere Lebensweisheit und „munter wie Quellwasser floss die Zeit dahin“.

Auf den ersten Blick wirken die Geschichten wie freundliches Geplapper eines naiven Mädchens im rosa Tutu. In einer Geschichte berichtet ein älterer Herr der Ich-Erzählerin aus seinem einsamen Leben. Die Reaktion: „Das ging mir so zu Herzen, dass ich auf die Toilette rennen und ein bisschen weinen musste.“ Und an Charlotte Roches Feuchtgebiete denkt man, wenn in einer Geschichte das Entfernen eines eitrigen, juckenden, roten Hautknotens, genauer eines Atheroms, besungen wird. Der Kosenamen des Geschwürs lautet übrigens „mein kleiner Fisch“.

Episoden dieser Art mag man gut finden, oder nicht. Sympathisch gezeichnet sind die Charaktere jedenfalls, leicht und kurzweilig erzählt die Geschichten. Bei der Übersetzung aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns und Thomas Eggenberg bestaunt man zwar manchmal die ein oder andere Formulierung. Dafür eilen die Übersetzer dem Leser aber mit Fußnoten zu Hilfe, wenn ein japanischer Begriffe sich einmal nicht aus dem Kontext erschließen oder passend im Text erläutern lässt.

Eine leichte Lektüre für Zwischendurch also? Ja und Nein. Denn die eingestreuten Lebensweisheiten haben nichts Abgestandenes und nehmen oft eine originelle Wendung. „Die Zeit ist unaufhaltsam und fließt immer weiter.“ Soweit bekannt. Aber: „Das tut sie nicht nur, damit man ihr nachtrauert, sondern damit man einen schönen Augenblick nach dem anderen erhaschen kann.“

Nachtrauern wechselt mit schönen Augenblicken, Glück mit Unglück. Das taucht oft als Krankheit oder Verlust in den Geschichten auf. Schlagartig. Zufällig. „Blumen und Sturm“, so der Titel einer Geschichte, die dies auf elegante Weise illustriert. Der Mensch in seinem vergänglichen Körper steht irgendwo zwischen den Gegensätzen. Zwischen Natur und Großstadt. Zwischen Erinnerungen ans Meer und tristem Büroalltag. „Dazwischen“ ist das der Platz der jungen Gesellschaft? Die Jugend Japans findet sich darin wohl wieder, und auch weltweit begeistert Yoshimoto junge Leser. Denn sie schießt Schnappschüsse einer Generation. Hält ihr Objektiv auf Probleme derer, die tagein, tagaus in Büroräumen arbeiten und durch Fensterscheiben auf einen „geliebten Ginkgobaum im Innenhof des Firmengebäudes“ blicken.

Unerwartet führt die Erzählerin den Leser aber auch einmal an der Nase herum: In einer Geschichte wird die Heldin körperlich angezogen von einem Ägyptologen, der in seiner Freizeit eine Katze mumifiziert hat. Zur selben Zeit treibt ein grausamer, unbekannter Mörder sein Unwesen. Die Protagonistin begleitet den mysteriösen Mumienforscher trotzdem nach Hause. Ein Horrorfilm beginnt?

Bunte Fotos aus Japan erwarten einen in Form der dreizehn abwechslungsreichen Geschichten. Manche betrachtet man beiläufig, manche gerne etwas länger. Eine Weisheit zum Schluss: „Warum also dem Leben einen einzigen Sinn aufzwingen, der es doch nur grau und eintönig machen würde? Hüten wir uns davor, ein für alle Mal.“

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Banana Yoshimoto
Mein Körper weiß alles. Dreizehn Geschichten

Aus dem Japanischen Annelie Ortmanns und Thomas Eggenberg
Diogenes 2010, 208 Seiten, 18.90 €